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Rezension: Nevernight Die Prüfung – Jay Kristoff

Ich fühle mich schlecht. Unglaublich schlecht. Noch nie habe ich so lange gebraucht, um ein Rezensionsexemplar zu beenden. Dennoch habe ich es nun endlich geschafft, Nevernight zu beenden, ein Buch, das ich gleichzeitig geliebt, aber doch auch irgendwie gehasst habe. Zumindest am Anfang.

Nachdem ich das Buch beendet hatte, habe ich mich an den PC gesetzt und erst einmal alle Rezensionen gelesen, über die ich gestolpert bin – 1 Stern Rezensionen, ebenso wie 5 Sterne Rezensionen und irgendwie kann ich beide Meinungen verstehen, denn obgleich ich das Buch in geschockter Aufregung und freudiger Erwartung beendet habe, konnte ich zu Anfang kaum etwas mit Jay Kristoffs High Fantasy Epos anfangen. Fast drei Monate habe ich gebraucht, um die ersten fünfzig Seiten zu lesen. Zwar mochte ich die düstere Atmosphäre gleich zu Anfang, empfand auch den Schreibstil des Autors als neu, anders und fesselnd, dennoch schaffte ich es einfach nicht, mehr als ein paar wenige Seiten am Stück zu lesen. Die Konzentration schwand, das Interesse ebenfalls und meine Gedanken schweiften ab, landeten überall, nur nicht dort, wo sie hingehörten: bei Mia. Ich las zwei Seiten und legte das Buch zur Seite, dachte mir „Morgen liest du weiter“, doch am nächsten Tag war es wieder genau dasselbe Spielchen und mit jedem Tag mehr der verging, wurde mein schlechtes Gewissen gegenüber dem Verlag größer und auch mein Wunsch, das Buch abzubrechen. Denn obgleich ich Stimmung und Atmosphäre mochte, schien es sich um kein Buch zu handeln, das mich wirklich beeindrucken oder unterhalten würde. Allerdings bin ich ein sehr ehrgeiziger und vor allen Dingen auch dickköpfiger Mensch, wenn ich etwas will, dann will ich es. Und ich wollte dieses Buch lesen. Ich wollte es so unbedingt lesen und mir selbst einen Eindruck verschaffen von diesem High Fantasy Epos, dass entweder bis in den Himmel gelobt oder absolut gehasst wurde. Zwar fühlte ich mich wohl bei dem Gedanken, nicht alleine zu sein mit diesem Gefühl, keinen richtigen Anschluss zu finden, doch wollte ich mich lieber in die Schlange der Fans einreihen und gab die Hoffnung, es vielleicht doch noch zu mögen und besser in die Geschichte einzufinden, deshalb nicht auf.

Ich kann von Glück sprechen, dass ich dem Buch eine zweite und auch dritte Chance gegeben habe.

Dieses. Buch. Ist. Ein. Meisterwerk.

Ich muss gestehen, um besser in die Geschichte reinzufinden, habe ich mich eines Hilfsmittels bedient und zwar des Hörbuchs, gesprochen von Robert Frank. Ich dachte ein Versuch wäre es Wert. Ich fand das Hörbuch auf Spotify und entschloss mich, es einfach morgens und abends im Auto zu hören. Trotz des Hörbuchs hat es gedauert, mich in die Geschichte einzufinden. Nicht lange. Dennoch überwog zu Beginn ein merkwürdiges Gefühl von Unwohlsein und Übelkeit, die vulgäre Sprache, in Verbindung mit dem ganzen Blut, der Gewalt und vor allen Dingen der unfassbar genialen Interpretation des sprachbegabten Robert Frank verursachten in mir ein unbändiges Gefühl von Gänsehaut, das ich kaum beherrschen konnte. Doch irgendwann platzte der Knoten, erst löste er sich nur leicht, dann jedoch, als Mia und Tric sich ihren Weg durch die Wisperwüste bahnten, war es um mich geschehen. Auf einmal war ich mitten drin. Nicht nur mit den Gedanken, sondern auch mit all meinen Gefühlen und ich konnte, geschweige denn wollte, überhaupt nicht mehr aufhören, Robert Franks Stimme zu lauschen und am Abend dann parallel zu Hause das Buch weiterzulesen und die Geschichte auf den beschriebenen Seiten des Buches zu erkunden.

Bevor ich nun mit der eigentlichen Rezension beginne, möchte ich euch noch einen Tipp mit auf den Weg geben: wenn euch dasselbe Gefühl begleitet wie mich, zu Beginn des Buches, wenn auch ihr glaubt, die Geschichte sei nichts für euch, die Zusammenhänge zu abstrus, zu schwierig zu verstehen, dann gebt nicht zu schnell auf. Macht es vielleicht wie ich, hört parallel das Hörbuch, lasst euch verzaubern von Robert Franks Stimme und Jay Kristoffs Geschichte. Vielleicht geht es euch ja wie mir und ihr lernt die Geschichte am Ende doch noch lieben und schätzen.

POSITIV

Ich bin eigentlich niemand, der gerne bzw. viel High Fantasy liest. Ich halte mich von dem Genre meist fern, da ich einfach kein großer Freund davon bin. Wenn ich mal zu einem High Fantasy Epos greife, dann allein aus dem Grund, weil mich das Worldbuilding interessiert; weil ich die Nase voll habe von unserer Welt und einfach abtauchen möchte in eine andere, die so ganz anders ist als unsere und doch einige Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten aufweist. Und was das Worldbuilding angeht hat Jay Kristoff wirklich ganze Arbeit geleistet. Von Itreya nach Ashkah, zwischen Wahrdunkel, Schattenzeug, Grabgebein, Nimmernacht und Dunkelinn nimmt nicht nur die Geschichte Fahrt auf, sondern entwickelt sich das Setting immer weiter, so weit, dass es die eigene Vorstellungskraft schon fast zu übersteigen droht.

Die Rote Kirche, ein Assasinenorden, erinnert ein bisschen an Hogwarts, eine Art Schule, ein Internat, in dem die neuen Akolythen zu Klingen der Roten Kirche ausgebildet werden, nur mit ein bisschen mehr Blut, jede Menge Schimpfwörter und Flüchen, und jede Menge Kampfgeist. Und dennoch ist es so ganz anders als alles, was ich bisher gelesen habe. Es war düster und irgendwie unheimlich, die Rote Kirche, die sich in einem riesigen schwarzen Berg befindet, birgt so unendlich viele Geheimnisse und Gefahren, die nicht nur die Neugierde schüren, sondern in dem Leser auch den Wunsch erwecken – trotz des Blutes, trotz der Gewalt – ebenfalls Teil dieses Fantasy Abenteuer Epos zu sein; dort zu kämpfen, Seite an Seite mit unseren Lieblingsfiguren. Gleich von Anfang an hat man das Gefühl, dass die Welt um Nevernight, mit ihren drei Sonnen und dem Wardunkel, weitaus ausgearbeiteter ist als die Welten vieler anderer Fantasyromane. Diese Welt geht so tief, ist so intensiv; man kann sich regelrecht verlieren in den Legenden und Geschichten über diese Welt. Man merkt eindeutig die Liebe zum Detail, die Jay Kristoff beim Schreiben dieser Geschichte offenbar verspürt hat. Eine Liebe zum Detail, die dieses Buch zu einem unglaublich intensiven Leseerlebnis macht.

Manch einer mag wohl meinen, es handelt sich hierbei um ein Jugendbuch dessen Zielgruppe Jugendliche ab 16 ist, doch das ist es nicht. Das Buch ist größtenteils an das Erwachsenenpublikum gerichtet, was man nicht nur an den vielen vulgären Ausdrücken, Schimpfworten, Flüchen und Handlungen erkennt, sondern auch an der Härte der Dinge; an den vielen schrecklichen Ereignissen, die geschehen, eine Tatsache, die dem Buch irgendwie viel mehr Tiefe gibt, immerhin kann sich der Autor so viel mehr erlauben, als wenn es sich um ein reines Jugendbuch handeln würde. Auch wirken die Charaktere dadurch weniger aufgesetzt, sondern realer, verfügen sie alle über Ecken und Kanten. Keiner von ihnen ist wirklich gut oder böse, sie handeln nach ihrem Gewissen, hören auf ihr Herz, was sie so unfassbar authentisch macht. So gut man auch glaubt, die Figuren zu kennen, trügt der Schein – viel zu häufig, viel zu oft. Immer wieder gibt es diese sprachlos werden lassenden Wendungen und Überraschungen, mit denen man als Leser nicht rechnet. Jede der Figuren verfügt über eine sehr durchdachte und tiefgehende Lebensgeschichte und wenngleich man den einen oder anderen nicht mag, schließt man sie dennoch irgendwie alle ins Herz, weil sie einfach so einzigartig und interessant, teilweise sogar absolut speziell und skurril sind.

Ich möchte gar nicht näher auf die einzelnen Charaktere eingehen, weder auf Mia, unsere Protagonistin, noch auf Tric, Ashlinn oder sonst wen, da diese Rezension sonst wohl niemals ein Ende finden würde. Eine Figur jedoch möchte ich nicht unerwähnt lassen; die Figur, die mich am ehesten beeindruckt und am meisten in ihren Bann gezogen hat, Herr Freundlich, die Schattenkatze, die eigentlich gar keine Katze ist. Ich hätte dann bitte auch gerne einmal einen solchen Begleiter. Danke. Neben Herr Freundlich jedoch gibt es auch noch einen Charakter, der mir wohl ewig im Gedächtnis haften bleiben wird und zwar handelt es sich hierbei um die Weberin, die so skurril und gruselig dargestellt wurde, dass es mir noch jetzt eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Auch Naev, die es mir unglaublich angetan hat, rief in mir ein Gefühl von Unwohlsein und Gänsehaut hervor, was jedoch nicht negativ gemeint ist. Ganz im Gegenteil.

Manchmal wirkte der Aufenthalt im Orden fast schon harmonisch, dank der Beziehungen, die zwischen den Figuren entstanden waren, wenngleich sie zum Fortbringen der Story überhaupt nicht nötig gewesen wären; dennoch eine schöne Abwechslung boten und uns die Charaktere noch ein Stück weit näher brachten; sie irgendwie lebendiger und echter werden ließen, auch wenn sich das ein oder andere „Geplänkel“, sei es nun auf romantischer oder freundschaftlicher Basis, sich doch eher als Schwäche, statt als Stärke herausstellte.

Ebenfalls zu erwähnen sei noch der wunderbar trockene Humor und der Sarkasmus, von dem das Buch nur so trieft. Mehr als einmal musste ich schrecklich grinsen oder richtig los lachen. Jay Kristoff spielt mit unseren Emotionen, brachte er mich nicht nur zum Lachen, zum Fürchten, zum Schreien, sondern brachte er mich auch tatsächlich zum Weinen. So gab es einige Momente, die mich emotional auf eine Weise berührt haben, wie ich es bei einem solchen Buch definitiv nicht erwartet hatte, was nur davon zeugt, wie sehr mir die Charaktere zwischenzeitlich ans Herz gewachsen sind. Dort gab es mindestens drei konkrete Szene, die mich nicht nur nachdenklich gestimmt, sondern mich absolut zum Schluchzen gebracht haben. Um jedoch Spoiler zu vermeiden, werde ich auf diese Szenen nicht konkret eingehen.

Sehr positiv beeindruckt hat mich auch noch eine andere Sache, nicht nur Jay Kristoff’s unglaubliches Schreibtalent, mit all den Metaphern und bildhaften Vergleichen, mit dieser blumigen Sprache, die vor Ironie nur so strotzte, auf der einen Seite unglaublich weich, auf der anderen Seite aber auch unfassbar hart und sperrig. Gleich zu Beginn bediente er sich an einem ganz besonderen Stilmittel. Ohne zu viel zu verraten jedoch möchte ich hier nur erwähnen, dass er völlig unterschiedliche Dinge, mit ähnlichen bzw. identischen Worten nacheinander beschreibt, was ein unglaubliches Leseerlebnis war und mir absolute Gänsehaut verursacht hat. Ich liebe seinen Schreibstil, fühlte ich mich nicht nur unterhalten, sondern auch unglaublich inspiriert von seiner Art und Weise, Dinge zu beschreiben, Dialoge zu führen, Vergangenes zu erzählen und Gedanken schon fast in Emotionen zu verwandeln, so echt und lebendig schienen sie manchmal.

Und dann möchte ich am Ende einfach noch gesagt haben, wie großartig ich es finde, dass dieses Buch ganz ohne Liebesdrama auskommt. Ja, es gibt ein wenig Romanik, ja, es ist ein bisschen sexy, aber es gibt kein Teenageliebesdrama – Gefühle kommen zwar vor, werden aber nur am Rande gestrichen, was ich einfach als absolut großartig empfunden habe. Jay Kristoff beweist uns hiermit ganz klar, dass Bücher auch gut sein können, wenn der Fokus eben mal nicht auf der Romanze liegt.

Chapeau Mr. Kristoff!

NEGATIV

Als negativ würde ich bezeichnen, dass der Einstieg doch recht schwer fällt. Vielleicht nicht jedem; der ein oder andere mag sich direkt in der Geschichte wiederfinden und abtauchen in dieser umfangreichen Welt, ich jedoch hatte meine Probleme, trotz der Tatsache, dass ich die Atmosphäre und den Schreibstil gleich von Anfang an mochte. Ich kann wirklich nicht genau greifen, was es war, das es mir unmöglich machte, Anschluss zu finden und wieso nur das Hörbuch letztendlich Abhilfe schaffen konnte. Ich weiß es nicht, ganz ehrlich, ich weiß es nicht, dennoch gab es da irgendetwas, was mir Probleme bereitete und Grund war, weshalb das Buch so lange angefangen auf meinem Wohnzimmertisch lag und mich jedes Mal vorwurfsvoll anstarrte und meinen Namen rief, wenn ich daran vorbei ging.

LOHNT SICH DAS BUCH?

Ja, auf jeden Fall wenn man eine Schwäche für High Fantasy hat und auch, wenn man diese Schwäche nicht hat, wie ich zum Beispiel. Dieses Buch besticht mit wahnsinnig gutem Worldbuilding, gut ausgearbeiteten Charakteren mit Ecken und Kanten, einer aufregenden und actionreichen Storyline und einem Schreibstil, den einen vor Neid fast erblassen lässt. Von mir bekommt das Buch, trotz anfänglicher Schwierigkeiten, eine absolute Leseempfehlung. Wenn man erst einmal in die Geschichte reingefunden hat, dann kommt man so schnell nicht mehr da raus.

INFOS ZUM BUCH


Autor
: Jay Kristoff
Titel: Nevernight: Die Prüfung
Englischer Titel: Nevernight
Verlag: Fischer TOR
Seiten: 704
Erscheinungsdatum: 24. August 2017
Preis: 22,99 [D] | 23,70 [A]
Buch bei Fischer TOR: Deutsch

 

KATEGORIE

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Vielen Dank an den Fischer Tor Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplares!


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4 Kommentare

  1. Liebe Ivy,

    erstmal: Herzlichen Dank für deine Verlinkung. Die hole ich direkt mal bei mir nach weil ich deine Rezension so wahnsinnig lang aber auch wahnsinnig gut finde.

    Ich finde auch, man kommt anfangs etwas schwer rein. Das lag meiner Meinung nach nicht mal am Schreibstil sondern dadurch, dass ich durch die Rückblicke erst mal echt lange nicht wusste, was Sache ist und wohin Mia gerade fährt und was sie da macht 😀 Aber ich freue mich, dass dich das Buch letztendlich auch begeistern konnte. Das hat es verdient. ♥

    Liebst,
    Jule

    • Ivonne sagt

      Liebe Jule,

      gerne, nichts zu danken 🙂 Ich fand deine Rezension toll!

      Es stimmt, der Anfang war tatsächlich etwas verwirrend haha aber wenn man erst mal richtig drin ist, dann ist es ein absolut grandioses Leseerlebnis. Ich bin auch so froh, dass ich dran geblieben bin und nicht aufgegeben habe hihi

      Jetzt freue ich mich riesig auf Teil 2.

      Liebste Grüße
      Ivy

  2. I’m wanting to read this book. It’s on my long, long list on Overdrive (a site through my local library where I can get ebooks, audiobooks, and movies).

    • Ivonne sagt

      You should really read this, or listen to the audio book since it’s awesome! It took me a while to get into the story though, but the audio book really helped and in the end I absolutely loved it. I can’t wait to read book 2!

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