KOLUMNEN
Schreibe einen Kommentar

Triggerwarnungen in Büchern – Notwendig oder übertrieben?

(CW: Im nachfolgenden Text geht es um Triggerwarnungen zu bestimmten Themen wie Vergewaltigung, Selbstmord, Tierquälerei, Missbrauch etc. pp.)

WAS IST EINE TRIGGERWARNUNG?

Eine Triggerwarnung ist ein Warnhinweis zu Beginn eines Artikels, Films, Buches, Blogs, etc. pp. auf mögliche Auslösereize, z. B. bei posttraumatischen Belastungsstörungen.

Triggerwarnungen dienen dazu, vorzuwarnen auf einen eventuellen Inhalt, der ungewollt an eine belastende Situationen oder lebensbedrohliche/dramatische Erlebnisse aus dem eigenen Leben erinnert. Intensive Beschreibungen, detailreiche Erörterungen und ausführliche Diskussionen können Auslöser der eigenen Belastung werden, die Angstreaktionen, Panikgefühle, selbstverletzendes Verhalten oder gar Schlimmeres auslösen können.

Bei der Beschreibung einer Vergewaltigung oder Schilderung eines Selbstmordes zum Beispiel werden oftmals entsprechende Triggerwarnungen verwendet um vorzubeugen, dass Menschen, die selbst schon einmal Opfer eines Missbrauchs oder ähnlich Belastendem geworden sind, sich an diese Situation zurückerinnert fühlen, was solche schwerwiegenden Reaktionen auslösen kann.

Inhalte, vor denen „gewarnt“ werden sollte sind beispielhaft

  • Krieg
  • Mobbing
  • Misshandlungen (körperlich, psychisch)
  • Sexueller Missbrauch
  • Vergewaltigung
  • Selbstverletzung/Selbstverstümmelung
  • Selbstmord
  • Essstörung
  • Gewalt an Tieren
  • Body Shaming
  • Gewalt
  • Rassenhass
  • Menschenhass
  • Gewalt/Missbrauch an Kindern

 

Wie ich auf einmal auf dieses Thema komme?

Ich habe erst kürzlich das Buch Kleine Stadt der großen Träume von Frederik Backman beendet und obwohl dieses Buch absolut hervorragend ist, womöglich sogar eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe (Rezension folgt), verrät die doch recht kurz gehaltene Inhaltsangabe kaum etwas über das Buch. Niemals hätte ich auch nur im Entferntesten vermutet, dass dieses Buch einige der vorgenannten Themen behandelt. Der Autor führt einen langsam in die Geschichte ein, für den ein oder anderen mag es gar langweilig erscheinen und dann, dann plötzlich explodiert sie, diese Bombe. Die winzigen Splitter bohren sich so tief in das Herz, das es schmerzt und man für eine Weile das Atmen vergisst. Sie sind da, diese Inhalte, vor denen man zurückschreckt, Tabuthemen, über die man nicht spricht, Situationen, die in einem Menschen eben solche vorbeschriebene Reaktionen auslösen können. Selbst mich hat dieses Buch an meine emotionalen Grenzen getrieben. Ich habe gezittert, geweint, mein Herz überschlug sich fast während des Lesens. Ich war wütend und habe geschrien, ich war entsetzt und schockiert, ich befand mich auf einer solch gefühlsgeladenen Achterbahnfahrt, von der ich so schnell wie möglich runter wollte, die mich aber einfach nicht los ließ, sondern immer fester in den Sitz drückte. Die Gefühle peitschten mir wie ein heftiger Wind ins Gesicht. Sie überrumpelten mich und überrannten mich wie ein vollgeladener Lastwagen. Ungebremst raste er auf mich zu und dann … dann lag ich da, irgendwie betäubt. Ich hatte vergessen, wie man richtig atmet, die Tränen rannen mir die Wangen hinunter und doch war da diese Wärme tief in meinem Inneren. Ich wusste, es würde alles gut werden, denn die Menschen sind stark. Sie sind außerordentlich stark.

Das brachte mich zum Nachdenken.

Was, wenn ich selbst einmal Opfer von Mobbing gewesen wäre? Vielleicht sogar Opfer von sexuellen Übergriffen, gar Missbrauch? Das Buch lässt in keinster Weise darauf schließen, dass es um solche Inhalte geht; dass es Themen behandelt, die nicht nur Stresssituationen, sondern auch Angstzustände auslösen können.

Es ist ja nicht so, dass es die Diskussion nicht schon länger gibt. Immer wieder werden Triggerwarnungen zum Thema, meist von Menschen, die eben solch traumatischen Erlebnisse durchmachen mussten. Sie sprechen das aus, wovon wir, diejenigen, die sich noch nie in einer solchen Situation befunden haben, keine Ahnung haben, vermutlich gar nichts wissen können. Woher auch? Es mag mich emotional berühren, wenn ich von Mobbing lese, doch leide ich dadurch so sehr, dass ich danach womöglich den Gedanken hege, mich selbst zu verletzen? Nein. Gibt es Menschen, die genau so empfinden? Ja. Sollen diese Menschen deshalb einfach aufhören zu lesen, nur um der Gefahr zu entgegen, getriggert zu werden? Nein. Sollten Triggerwarnungen zu Beginn eines Buches als „Warnhinweis“ abgedruckt werden? Ja.

Ich habe mich tatsächlich nie richtig intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt, bis vor wenigen Tagen zumindest nicht; bis mich dieses Buch förmlich aus den Socken haute.

Jeder Mensch ist anders, jeder Mensch empfindet anders, jeder Mensch reagiert anders. Reaktionen wie zu Beginn dieses Artikels beschrieben können vermieden werden, indem man zum Beispiel zwei bis drei kleine Sätze auf die erste Seite eines Buches druckt, sodass man es direkt sieht, wenn man es aufschlägt.

Diese Menschen suchen es sich nicht aus, so zu reagieren. Sie machen das nicht absichtlich, es sind traumatische Erlebnisse und Ereignisse, die je nach Schwere, womöglich ihr gesamtes restliches Leben bestimmen und beeinflussen können.

Jeder Mensch reagiert anders.

Während Schockvideos von gequälten Tieren im Schlachthaus einige womöglich dazu verleiten, ihre Ernährungsweise zu überdenken, löst es bei anderen schlicht eine Panikattacke aus.

Diese Dinge geschehen in unserer Psyche, wir können sie nicht beeinflussen, es passiert einfach, wir reagieren eben einfach auf Dinge. Einige Menschen lernen damit umzugehen, lernen diese Dinge zu verarbeiten, vielleicht sogar unter Kontrolle zu halten – bis zu einem bestimmten Punkt – doch für andere Menschen ist dies eben nicht möglich. Triggerwarnungen schützen Menschen. Es wäre so viel einfacher, wenn wir alle einen Moment inne halten und überlegen würden, ob ein kurzer Warnhinweis zu Beginn eines Textes oder eines Bildes (nachdem man auf Instagram z. B. mehrere Bilder in Form einer Slideshow hochladen kann, wäre eine solche Warnung zumindest auf Instagram auch sehr leicht in Form von Bildern zu bewerkstelligen) nicht vielleicht hilfreich sein könnte.

Für manche mag das alles übertrieben klingen, doch was kostet es uns, vor einem Text mit ohnehin schon über 1.000 Wörtern noch 10 Wörter hinzuzufügen?

Man kann nie wissen, was wen triggert.

Und da ich nicht der Meinung bin, dass man solch harte Themen insgesamt in der Literatur vermeiden, gar verbieten sollte, da sie lehrreich sein können und zum Nachdenken anregen, halte ich Triggerwarnungen für die absolut bestmöglichste Lösung. Wir brechen uns immerhin keinen Zacken aus der Krone, wenn wir Rücksicht nehmen und zu Beginn kurz anmerken, dass bestimmte Texte eventuell Inhalte beinhalten, die andere Menschen triggern, zum Beispiel eben detailreiche Darstellungen einer Vergewaltigung, Kindesmissbrauch oder auch Tierquälerei.

Was Tierquälerei zum Beispiel angeht, wäre ich froh drum, manche Inhalte würden Triggerwarnungen enthalten, da dies unter anderem ein Thema ist, mit dem ich überhaupt nicht klar komme.

Dies bedeutet nun natürlich nicht, dass man alles und jeden Text mit einer Triggerwarnung versehen sollte. Menschen, die wissen, dass spezielle Dinge sie triggern, haben natürlich auch ein gewisses Maß an Eigenverantwortung. Ich weiß, dass ich Tierquälerei nicht ertragen kann, ich spende zwar regelmäßig Geld an diverse Tierschutzvereine, wenn ich jedoch Broschüren von diesen erhalte, öffne ich die Post gar nicht erst, sondern diese landet ungeöffnet direkt im Müll. Entsprechende Facebookseiten like ich erst gar nicht und wenn jemand ein entsprechendes Video teilt, schließe ich die Social Media Seiten direkt, damit ich gar nicht erst in Versuchung komme, mir dieses Video anzuschauen. Allerdings muss mir als Leser ja auch die Möglichkeit gegeben werden, Eigenverantwortung zu übernehmen, doch wie kann ich das, wenn nirgends ersichtlich ist, dass das Buch, das ich gerade anfangen möchte zu lesen, Themen behandelt, die mich triggern? Es geht auch nicht darum, Inhalte zu spoilern, eine vage Aussage zu Beginn eines Textes wäre ja schon vollkommen ausreichend. So kann man sich emotional auf bestimmte Themen vorbereiten und im Endeffekt selbst entscheiden, ob man das Buch nun liest, oder aufgrund der Triggerwarnung doch lieber die Finger davon lässt.

Ich finde, dass, wie im oben genannten Beispiel insbesondere Bücher, die nicht im Entferntesten erahnen lassen, um welche Themen es geht, man vielleicht sogar aufgrund des Klappentextes glaubt, es handele sich um eine schöne Kleinstadtgeschichte die irgendwo in Schweden spielt und in der es um Eishockey geht, solche Triggerwarnungen enthalten sollten, ganz besonders wenn es um Themen wie Vergewaltigung geht, Missbrauch, Selbstmord, etc. pp. Hier speziell auf Einzelfälle einzugehen macht natürlich auch wenig Sinn. Eine Grenze zu ziehen, wo fange ich an, wo höre ich auf, ist sehr schwierig; spricht man mit Büchern immerhin die Allgemeinheit und nicht eine konkrete Person an. Allerdings gibt es Themen, bei denen ist es einfach mehr als offensichtlich, dass sie triggern können.

Nachdem ich mich jedoch nunmehr mehr mit diesem Thema befasst habe, bin ich schon der Meinung, dass bestimmte Themen tatsächlich mit Vorsicht und Bedacht behandelt werden sollten, egal ob es nun im Buch, im Film oder im Fernsehen ist. Die Serie „Thirteen Reasons Why“ hat es diesbezüglich richtig gemacht, wurde vor jeder Folge mit sehr grafischen Darstellungen von zum Beispiel Vergewaltigung eine kurze Warnung eingeblendet. So hat jeder selbst einen Augenblick Zeit darüber nachzudenken, ob es um Themen geht, die einen triggern könnten oder eben nicht.

UPDATE: Frau Traumenit hatte eine großartige Idee, die ich hier gerne noch mit aufnehmen möchte für diejenigen, die eher selten Kommentare zu Beiträgen lesen 🙂 Und zwar wurde geäußert, dass man dies mit einer App zum Beispiel lösen könnte. Man scannt das Buch und bekommt dann entsprechende Triggerwarnungen angezeigt. Die Idee finde ich großartig, da so jeder selbst entscheiden könnte, ob er überhaupt wissen möchte, ob es eine Triggerwarnung zu dem Buch gibt. Wenn man sich dafür entscheidet, die Warnung abzurufen (sofern denn eine besteht) kann man danach immer noch selbst entscheiden, ob man das Buch trotz Warnung liest oder nicht. So würde sich niemand gestört fühlen durch Triggerwarnungen bzw. es müsste niemand Angst haben, eventuell verspoilert zu werden, aber diejenigen, die möglicherweise durch bestimmte Inhalte getriggert werden könnten, könnten vorher prüfen, ob es eine Triggerwarnung gibt oder nicht. Ich finde die Idee einfach absolut genial. Die Umsetzung des Ganzen wäre wahrscheinlich recht schwierig (die Entwicklung der App an sich wäre da wohl das kleinste Problem) sprich wer entscheidet, welches Buch eine Triggerwarnung bekommt, wer pflegt die Bücher/Inhalte etc. pp. ein, aber das alles mal außer Acht gelassen, finde ich die Idee richtig richtig super.


INSTAGRAM | FACEBOOK | YOUTUBE | GOODREADS

Bei den mit * gekennzeichneten Links handelt es sich um sogenannte Affiliate Links. Wenn ihr über besagte Links die Produkte käuflich erwerbt, erhalte ich eine geringe Provision. Für euch ändert sich hierbei nichts; der Kaufpreis bleibt derselbe. Ich erhalte hierdurch lediglich einen kleinen Bonus zur Deckung der Kosten bezüglich meines Blogs. Die Rechte an den Covern liegen beim jeweiligen Verlag/Autor!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld.

*

Ich akzeptiere die Datenschutzerklärung.