REZENSION: HUNDERT STUNDEN NACHT – ANNA WOLTZ

REZENSION ENTHÄLT SPOILER

 

Als ich das Cover sah, war mein Interesse sofort geweckt und als ich dann auch noch den Klappentext las, war ich Feuer und Flamme. Ein Mädchen, das nach New York flieht, dort vier aufgeweckte New Yorker Teenager trifft, von einem Hurricane überrascht wird und dann auf sich alleine gestellt ist – klingt doch nach einer spannenden, interessanten Geschichte, findet ihr nicht? Dazu kommt noch, dass das Buch in der großartigsten Stadt der Welt spielt: in New York. Natürlich musste ich es haben und natürlich musste ich es lesen. Wenn ihr wissen möchtet, ob und wie mir das Buch am Ende gefallen hat, solltet ihr auf jeden Fall weiterlesen.

Autor: Anna Woltz
Titel: Hundert Stunden Nacht
Verlag: Carlsen
Erscheinungsdatum: 03. März 2017


Emilia hat sich die Kreditkarte ihres Vaters geschnappt und einen Flug nach New York gebucht. Sie will einfach nur weg. Aber das Apartment, das sie übers Internet gemietet hat, gibt es gar nicht und zu allem Überfluss kündigt sich Wirbelsturm Sandy an. Zum Glück lernt sie Seth, Abby und den ziemlich verrückten Jim kennen. Zusammen finden sie eine Bleibe in SoHo. Inzwischen hat der Sturm die Stadt fest im Griff: das Haus beginnt zu wackeln, dann fällt der Strom aus. Die vier müssen immer enger zusammenrücken, ob sie wollen oder nicht.

[Quelle: http://www.goodreads.com]


Hundert Stunden Nacht von Anna Woltz ist mit Abstand eines der unrealistischsten Bücher, die ich jemals gelesen habe. Ja, es ist Fiktion und ja, es soll der Unterhaltung dienen, doch wenn ein Buch so lebensfremd ist, wie dieses hier, kann es schon mal sein, dass ich Haare raufend eine Seite nach der anderen umblättere und mich frage, ob es sich tatsächlich lohnt, das Buch zu Ende zu lesen. Alles hat wohl seine Vor- und Nachteile. Ich habe mich letztendlich dazu entschieden, es zu beenden und bin mehr als enttäuscht.

Es fängt schon damit an, dass die 14-jährige Emilia es tatsächlich schafft, als meiner Meinung nach Überreaktion auf etwas, was zu Hause mit ihrem Vater vorgefallen ist, sich ein Ticket nach New York zu kaufen, ein Zimmer in dieser funkelnden Stadt zu buchen, zum Flughafen zu fahren und tatsächlich auch in die Staaten zu fliegen. Was hieran falsch ist? Eine 14-jährige darf nicht einfach so alleine fliegen. Ich erinnere mich noch sehr gut an mein AuPair ja in den Staaten. Die kleine Schwester meiner damaligen besten Freundin, zu der Zeit ebenfalls 14, kam uns besuchen, alleine, und es bedurfte mehr als einer Einverständniserklärung und einer Kopie der Ausweise, um einzureisen. Hinzu kommt, dass besagte Teenager ab dem Zeitpunkt, in dem sie den Flughafen betreten, einen „Aufpasser“ zur Seite gestellt bekommen, der sie durch die Sicherheitskontrolle, ans Gate und ins Flugzeug begleitet. Es reicht nicht, als 14-jährige eine Buchungsbestätigung vorzulegen und eine Einverständniserklärung, um ganz alleine in die Staaten zu reisen. Nichtsdestotrotz schafft sie es nach New York, und musst dort feststellen, dass das Zimmer, welches sie über eine dubiose Seite gebucht und natürlich direkt im Voraus bezahlt hat, nicht existiert. Das man mit 14 eventuell wissen sollte, dass man nicht über irgendeine Seite irgendein Zimmer bucht und die komplette Miete bereits im Vorfeld bezahlt, sei mal dahin gestellt.

Dort, wo eigentlich ihr Zimmer sein sollte, mitten in SoHo mit angeblichem Blick direkt auf das Empire State Building – was total logisch ist – trifft sie dann auf Seth, Abby und Jim. Jim ist siebzehn Jahre alt und wohnt alleine in einem kleinen, kaum möblierten Zimmer in New York, das er sich natürlich mit seinem Nebenjob leisten kann. Nebenan wohnen der fünfzehnjährige Seth und die neunjährige Abby, die über das Wochenende von ihrer Mutter alleine gelassen wurden, ohne Nanny, ohne Babysitter, ohne irgendeine Aufsichtsperson. Ich habe ziemlich lange in New York gelebt und weiß von keiner Familie; keiner Mutter, die NICHT zumindest einen Babysitter engagiert, der über 16, vorzugsweise über 18 ist, um während dieser Zeit auf die Kinder aufzupassen. Die meisten Familien sind übervorsichtig, verhätscheln und vertätscheln ihre Kinder und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass eine Mutter ihre minderjährigen Kinder ein ganzes Wochenende in New York komplett alleine lässt.

Und dann bricht auf einmal Hurricane Sandy über die Stadt hinein, was nicht unwahrscheinlich ist, das wissen wir wohl alle. Ich habe selbst einen Blizzard, einen kleinen Hurricane und drei Tornados während meiner Zeit in New York mit gemacht. Es stimmt, Straßen sind überflutet, der Strom fällt aus, Bäume blockieren die Straßen und ja, auch wir haben gut und gerne 4-7 Tage ohne Strom zu Hause gesessen; meine damalige beste Freundin, die auf Staten Island wohnte, sogar fast zwei Wochen. Kerzen durfte sie keine aufstellen, da ihre Gasteltern Angst hatten, sie könnte das Haus abfackeln – so viel zur Überbesorgnis der amerikanischen Eltern. Als der Hurricane dann vorbei ist, machen sich die vier alleine auf den Weg Uptown in der Hoffnung, dort ein Café oder ein Restaurant oder ein Geschäft mit WLAN zu finden. Schnell stellen sie fest, dass Verwandtschaft von ihnen bzw. Freunde Strom, Heizung und Wasser haben. Statt bei besagten Freuden zu bleiben jedoch, machen sie tagsüber die Stadt unsicher, schnorren sich Strom und WLAN an jeder Ecke und kehren nachts alleine in die dunkle, eiskalte und schmutzige Wohnung zurück, weil es ja so viel spannender und abenteuerlicher ist, als „Kinder“ alleine in New York in einer dunklen und kalten Wohnung zu sitzen, statt irgendwo sicher bei erwachsenen Freunden, die nicht nur Strom, sondern auch Wasser und Heizung haben.

Als Emilias Eltern dann irgendwann herausfinden, das sie in New York ist, machen sie sich natürlich direkt auf den Weg, was ein paar Tage dauert, da wegen des Hurricanes keine Flugzeuge fliegen. In New York angekommen allerdings, sind sie nicht außer sich vor Wut, nein, sie zitieren ihre Tochter auch nicht zu sich, um ihr die Leviten zu lesen, sondern lassen sie noch eine Nacht bei ihren unbekannten Freunden irgendwo mitten in New York übernachten, weil sie es ja so gerne möchte. Und am Ende entschließen sie sich, gemeinsam nach New York zu ziehen, alles hinter sich zu lassen, weil Emilia und ihrer Mutter New York ja so gut gefällt und weil Emilia alles andere bereit ist, als sich dem, was geschehen ist, zu stellen.

Ja, es ist schrecklich was ihr Vater getan hat; es ist nicht okay; Emilia hat jedes Recht wütend zu sein; vielleicht sogar wegzulaufen, doch meiner Meinung nach hat sie etwas überreagiert, indem sie sich gleich ein Flugticket nach New York kauft. Ich beschwere mich nicht, ich liebe New York und lese Bücher, die in dieser großartigen und funkelnden Stadt spielen, unglaublich gerne, doch der gesamte Verlauf dieser Geschichte war so unrealistisch, dass ich – ohne zu übertreiben – nach jedem! Kapitel mein Handy zur Hand genommen habe, und zwar aus Langeweile, um Instagram, Twitter & Co. zu checken.

Spannung kam nie richtig auf; das eigentliche Geschehen passierte erst zur Hälfte des Buches und war kurz darauf auch schon wieder vorbei. Was mich ebenfalls störte, war die extreme Jugendsprache, von Wörtern wie „Pimmel“ und „Ficken“ war alles dabei. Und auch wenn ich mich als Feministin bezeichne, gingen manche Sachen einfach zu weit und die Art und Weise wie Männer, aufgrund des Handeln des Vaters, in diesem Buch teilweise „runtergeputzt“ wurden, fand ich unpassend, kindisch und unnötig.

Das ist nun mal die verkürzte Geschichte des Mannes: Erst haben sie Museen vollgehängt mit Bildern nackter Frauen. Danach erfanden sie den Computer. Und seither stopfen sie das Internet mit Pornos voll.

Schon mal daran gedacht, dass es auch genug Frauen gibt, die „das Internet mit Pornos vollstopfen“?

Emilias Arroganz und die Art und Weise, wie sie über Leute spricht bzw. denkt, hat mich oftmals mit weit offen stehendem Mund zurückgelassen.

Sie haben einen schleppenden Südstaatenakzent und jede von ihnen hat das Format von drei Breitbildfernsehern übereinander.

Obwohl Emilia ziemlich anti ist was Männer betrifft, dank ihres Vaters, scheint sie teilweise auch auf Frauen nicht sonderlich gut zu sprechen zu sein bzw. bekam ich immer mehr das Gefühl, dass sie so ziemlich Nichts und Niemanden respektiert, sondern ihr einzig und alleine wichtig war, wie es ihr ging; wie sie sich fühlte; wie schlimm die ganze Sache für sie war. So kamen auch schon mal Kommentare wie diese hier zustande:

Mann, das hier ist New York. Man braucht sich nur kurz all diese Mädchen aus den Filmen, die hier spielen, anzusehen. Wenn die Geschichten bloß ein wenig stimmen, wimmelt es hier nur so von einsamen, gestörten Kontrollfreaks. Frauen, die immer alles in ihre überquellenden Kalender schreiben.Die keine Überraschungen mögen und ganz allein ihre Apartments putzen, während sie den viel zu großen Pull ihres toten Vaters oder Freundes tragen und nur eine Katze haben, mit der sie sprechen können. Die sich jeden Abend eine Fertigmahlzeit in so einem viereckigen Karton holen und auf deren ordentlich gemachten Betten jede Menge Tedddybären hocken …

Fand ich Emilias Naivität am Anfang vielleicht noch süß; ist sie doch immerhin erst 14, ist sie mir nach einer Weile ziemlich auf die Nerven gegangen. Ihre Reaktionen, Entscheidungen, Gedanken waren teilweise so kindisch, dass ich echt überlegen musste, ob ich mit gerade mal 14 Jahren genauso war …

Zehn Staffeln von FRIENDS habe ich mir angesehen, als ich letztes Jahr wochenlang krank war. Und in all diesen Folgen gab es niemals, aber wirklich niemals einen Orkan in New York.

Natürlich sollte man sich immer an irgendwelchen Fernsehserien orientieren und alles glauben, was einem darin gezeigt wird.

Mit einer Sache allerdings hat die gute Emilia Recht:

Hunderte graue, braune und glänzende Gebäude bilden gemeinsam das schönste Stabdiagramm der Welt.

Und genau das ist etwas an diesem Buch, was mir besonders gefallen hat. Emilias Liebe, auch wenn es teilweise eine Hassliebe war, zu New York. Die detailreichen Beschreibungen haben mir unfassbar gut gefallen; mir zwar ein Gefühl von Heimweh vermittelt, aber dennoch Freude bereitet. Ich habe mich zurückversetzt gefühlt in meine Zeit, als ich selbst dort lebte, bin in Gedanken die Straßen entlang gelaufen, habe das bunte Herbstlaub genossen, all die interessanten und verrückten Menschen beobachtet – gedanklich und in meinem Herzen war ich wieder in dieser wundervollsten Stadt von allen und dieses Gefühl habe ich geliebt.

Was mir ebenfalls sehr gut gefallen hat ist, dass Emilia keine gewöhnliche 14-Jährige ist, sondern mit einer Zwangsneurose zu kämpfen hat: der Angst vor Bakterien. In ihren Gedanken dreht sich alles um Sauberkeit und Bakterien. Ich habe noch nie ein Buch gelesen, in dem eine Figur unter einer Zwangsneurose litt, was für mich daher vollkommenes Neuland war. Es war teilweise anstrengend, da es stellenweise um nichts anderes ging, als um Bakterien und Sauberkeit, doch ich habe einiges gelernt; habe gelernt, wie solche Leute ticken, und das fand ich großartig. Es ist wichtig, dass wir solche Bücher haben; Bücher, die Menschen repräsentieren, die sich zum Beispiel fünf Mal die Hände waschen müssen, bevor sie etwas essen oder eben genau vier Mal die Tür abschließen müssen. Ebenso hat mir in diesem Zusammenhang auch die Reaktion der anderen Charaktere gefallen, besonders die von Abby, die Emilia teilweise nachgeeifert hat, ihr aber auch halft, ihre Angst zu überwinden. Besonders gut hat mir dementsprechend auch die Entwicklung von Emilia gefallen, zumindest was ihre Zwangsneurose angeht. Ihr Umgang mit Abby war wirklich toll. In ihrer Gegenwart, war sie lange nicht mehr so naiv und dumm, wie sie noch zu Anfang der Geschichte war.

Was Seth und Jim angeht muss ich sagen, dass ich mich mit keinem richtig anfreunden konnte. Eigentlich konnte ich das mit keinem der Charaktere – leider, was weniger an dem Alter, sondern mehr an der Naivität und dem Verhalten der Figuren lag.

Bedauerlicherweise hat mir das Buch alles andere als gut gefallen. Die zwei Sterne gibt es lediglich für New York und die gute und interessante Darstellung der Zwangsneurose. Ansonsten hat mich das Buch leider viele Nerven gekostet, was auch das wunderhübsche Cover nicht gut machen konnte. Ich persönlich kann für dieses Buch keine Empfehlung aussprechen, doch die verschiedenen Rezensionen, die ich in der Zwischenzeit gelesen habe, haben mir mal wieder verdeutlicht, wie unterschiedlich die Meinungen der Menschen doch sind.

Abschließend möchte ich mich allerdings noch bei dem Carlsen Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars bedanken. Vielen Dank dafür!

 

 

2 thoughts

  1. „Und auch wenn ich mich als Feministin bezeichne, gingen manche Sachen einfach zu weit und die Art und Weise wie Männer, aufgrund des Handeln des Vaters, in diesem Buch teilweise “runtergeputzt” wurden, fand ich unpassend, kindisch und unnötig.“

    Ist ja auch Teil des Feminismus, da er nicht nur uns betrifft. 🙂

    Aber das Buch hört sich leider schrecklich an. Werde es wieder von meiner Wunschliste streichen.

    Gefällt mir

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