4 Gründe, weshalb “Dem Horizont so nah” von Jessica Koch zu einer Hassliebe wurde

Inhalt/Klappentext:

Jessica ist jung, liebt das unkomplizierte Leben und hat Aussichten auf eine vielversprechende Zukunft. Als sie eines Abends das Haus verlässt, ahnt sie nicht, dass sie ihrer großen Liebe begegnen wird. Sie ahnt nicht, dass diese Begegnung ihr gesamtes Weltbild verändern wird. Und vor allem ahnt sie nicht, dass sie schon bald vor der schwerwiegendsten Entscheidung ihres Lebens stehen wird …


Bei diesem Buch handelt es sich nicht um ein kostenfreies Rezensionsexemplar. Das Buch wurde von mir selbst gekauft.


Dieser Beitrag enthält Spoiler zum Buch!


Dem Horizont so nah von Jessica Koch ist aktuell in aller Munde, was vermutlich unter anderem der Tatsache geschuldet ist, dass die Verfilmung des Buches kürzlich Premiere gefeiert hat. Doch auch zuvor sah ich dieses Buch immer mal wieder auf diversen Social Media Accounts und (Bücher)blogs. Leser schwärmten von einer herzzerreißenden Liebesgeschichte und versprachen Gänsehaut pur, einige sprachen sogar von einer lebensverändernden Geschichte, die man so noch nicht gelesen hat.

All meinen guten Vorsätzen zum Trotz, mich von dieser Art von Büchern fernzuhalten, hat es Instagram dann aber doch wieder geschafft, mich zum Kauf eines Buches zu verführen, welches eigentlich nicht (mehr) meinem Beuteschema entspricht und definitiv nicht zu meinem bevorzugten Genre gehört. Da sieht man mal wieder, wie einflussreich diese Buchcommunity sein kann. Wie dem auch sei – ich wurde neugierig auf diese Geschichte, die so intensiv, herzzerreißend, gar lebensverändernd sein sollte. Ich investierte also die 10 EUR in das Taschenbuch und begann auch schnurstracks zu Lesen. Die immer wieder auftauchenden Fotos der Premiere, sowie diverser Filmausschnitte schürten meine Neugierde. In weniger als 24 Stunden hatte ich das 470 Seiten lange Buch durchgelesen. Was daraus geworden ist? Eine ziemlich intensive Hassliebe. Weshalb genau möchte ich euch anhand der nachfolgenden vier Gründe versuchen, etwas genauer zu erläutern.


Zwei Gründe, weshalb ich das Buch liebe

1. HIV

Habt ihr jemals ein Buch gelesen, in dem eine HIV-Infektion/Erkrankung eine Rolle spielt? Ich bewusst bisher nur eines. Ich hatte keine Ahnung, dass es in diesem Buch um genau dieses Thema geht, als ich mich dazu entschloss, es zu lesen. Ich war überrascht, positiv überrascht, auch wenn ich natürlich bereits ahnte, dass diese Geschichte niemals gut enden kann und wird. HIV und Aids sind auch in unserer heutigen Zeit nach wie vor Tabuthemen, Themen, über die viel häufiger und vor allen Dingen viel offener gesprochen werden sollte, vor allen Dingen, wenn man bedenkt, wie viele Menschen sich nach wie vor allein in Deutschland mit dieser Krankheit anstecken und das unter anderem auch, weil die Leute einfach nicht aufgeklärt genug sind. Wer spricht schon gerne über ein solches Thema? Über Sex spricht man doch ohnehin nicht gerne, zumindest nicht mit den Eltern oder Lehrern, mit eben den Personen, die eigentlich die Aufklärungsarbeit leisten sollten. Wenn dann auch noch Geschlechtskrankheiten ins Spiel gebracht werden, ist die Hemmschwelle noch höher und man schweigt es einfach tot, statt darüber zu sprechen.

Deshalb war ich auch sehr erstaunt, dass HIV und Aids tatsächlich ein solch wichtiges Thema in diesem Buch spielen. In Verbindung mit der Tatsache, dass es sich hierbei um eine wahre Geschichte handelt, wirkt das Ganze natürlich noch mal ganz anders; intensiver, angsteinflößender – dieses Thema ist plötzlich gar nicht mehr so weit weg, wie man es sonst immer gewohnt war.

Ich für meinen Teil habe kein Problem damit, offen über dieses Thema zu sprechen. Aufgrund meiner Hypochondrie hatte ich ohnehin schon gefühlt jede Krankheit mindestens einmal, zumindest psychisch. Ich habe in jungen Jahren daher nicht nur super viel darüber recherchieret (ich kann euch jedes einzelne mögliche Symptom, Krankheitsverlauf etc. pp. im Schlaf aufsagen), sondern habe selbst auch bereits einen HIV-Test gemacht. Aufgrund dessen, dass ich auch regelmäßig zum Blutspenden gehe, wird mein Blut ohnehin regelmäßig auf HIV getestet.

In meinen Augen ist es wahnsinnig wichtig, dass man – insbesondere auch junge Menschen – über die Gefahren aufklärt; über die Krankheit an sich. Auch wenn es heute – anders als im Jahre 2000 – Medikamente gibt, die den Ausbruch von Aids verhindern können, ist es wichtig, dass Aufklärungsarbeit geleistet wird – auch hinsichtlich anderer Geschlechtskrankheiten.

Dass diese Thematik in diesem Buch mithin so ausführlich und intensiv behandelt wird, ist in meinen Augen einfach nur großartig und unglaublich wichtig.

2. Dannys Geschichte

Ich habe geweint. Ich habe so viel geweint, dass mir am Ende sogar die Brust weh tat und ich Schwierigkeiten hatte, zu atmen. Dannys Geschichte hat mich innerlich zerrissen. Während mich die Lovestory zwischen ihm und Jessica völlig kalt gelassen hat, ist mir seine Geschichte durch Mark und Bein gegangen.

Bei Dannys Geschichte handelt es sich um eine wahre Geschichte, dennoch stehe ich der Sache zumindest minimal skeptisch gegenüber und kann dieses kleine Männchen in meinem Kopf, das mich immer wieder fragt: “Woher willst du wissen, ob es wirklich genau so war?” nicht ausstellen. Zumindest aber habe ich es schon mal geschafft, dass Männchen zur Seite zu schieben und ihm den Mund zu stopfen, sodass seine Worte nur noch sehr dumpf an mein Gehör dringen. Wenn ich diese Worte einfach mal ausblende und vergesse, kann ich sagen, dass mich selten eine Geschichte so wahnsinnig berührt hat wie seine. Aus genau diesem Grund hätte ich mir daher auch mehr Danny gewünscht und weniger Danny und Jessica.

Obwohl oben eine Spoilerwarnung steht möchte ich nicht zu viel verraten, weshalb ich mich jetzt mal auf diesen kurzen Absatz hier beschränke. Dannys Geschichte jedenfalls steckt mir noch immer tief in den Knochen und obwohl es schon Tage her ist, seit ich das Buch gelesen habe, schleppe ich noch immer dieses bedrückende Gefühl in meiner Magengrube mit mir herum. Jeden Tag muss ich an ihn denken, habe unzählige Fragen in meinem Kopf, nicht nur Fragen, die sein Leben betreffen, sondern auch ein großes WARUM? Seine Geschichte hat da irgendetwas ganz tief in mir berührt und selbst jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, kullern mir vereinzelte Tränen über die Wangen.


Zwei Gründe, weshalb ich das Buch hasse

1. Die Protagonistin: Jessica

Damit möchte ich nicht sagen, dass ich die Autorin hasse. Das Buch basiert auf einer wahren Geschichte, um genau zu sein, auf der Geschichte der Autorin selbst. Bei der Protagonistin Jessica handelt es sich mithin um die Autorin Jessica Koch, die ich mit dieser Aussage auf gar keinen Fall persönlich angreifen möchte. Im Endeffekt kann ja ohnehin niemand genau sagen, wie viel von der Autorin tatsächlich in der Jessica aus dem Buch steckt. Da ich die Autorin auch nicht kenne, nie verfolgt habe und noch nicht einmal einen Instagram oder Facebook Post von ihr gelesen habe (ich weiß noch nicht einmal, wie sie aussieht), existiert für mich zumindest für jetzt nur die Jessica aus dem Buch und zu ihr kann ich nur sagen, dass ich sie als einen selbstsüchtigen, arroganten, aufdringlichen, teilweise unsensiblen Menschen mit jede Menge Vorurteilen wahrgenommen habe.

Wie sagt man so schön? Vorne rum so, hinten rum so – irgendwie beschreibt das Jessica ziemlich genau. Auf den ersten Blick mag sie ein sympathisches junges Mädchen sein, wenn man etwas genauer hinschaut; einfach mal zwischen den Zeilen liest, wird einem schnell klar, dass dem leider nicht so ist – ganz im Gegenteil. Sie sagt zwar das eine, meint aber das andere und im Endeffekt tut sie dann weder das eine, noch das andere, sondern etwas komplett anderes.

Was mir aber am meisten gegen den Strich gegangen ist, ist ihr Schubladendenken. Ihr Denken besteht fast ausschließlich aus Vorurteilen. Insbesondere kristallisiert sich dies in einer ganz bestimmten Situation heraus. Zu Gute halten muss man ihr hier vielleicht, dass sich diese Geschichte zwischen 2000 und 2003 abspielt, sprich, damals waren die Leute was HIV angeht, noch nicht so aufgeklärt wie heute, aber da Jessica bereits von Beginn an, von der wahren und großen Liebe spricht; sich selbst und Danny verspricht, ihre Entscheidung für “Tor 2” wäre für die Ewigkeit, war ihre Reaktion auf Dannys “Beichte”, dass er HIV-positiv ist, unterste Schublade.

Nachdem er ihr auf ihr Drängen hin endlich seine Geschichte von sexuellem Missbrauch und der damit einhergehenden HIV-Infektion erzählt, macht sie ihm nicht nur Vorwürfe, dass er ihr das nicht schon früher erzählt hat, sondern wirft mit kränkenden und homophoben Kommentaren wie “das bekommen doch nur Sch…” um sich und lässt ihn am Ende zusätzlich auch noch sitzen. Natürlich ist es vollkommen in Ordnung, schockiert zu sein und ich bin mir sicher, dass vielleicht jeder von uns in eine Art Angstzustand verfällt, wenn der Partner plötzlich so eine Bombe platzen lässt, doch abgesehen davon, dass Danny nie irgendetwas getan hat, um sie einer Ansteckungsgefahr auszusetzen, wäre es in meinen Augen angebrachter gewesen, die eigene Angst erst mal runterzuschlucken und für Danny da zu sein. Er ist derjenige, der von seinem Vater sexuell missbraucht wurde und als Konsequenz davon eine HIV-Infektion davongetragen hat. Er ist derjenige mit der kaputten Kindheit, mit der missbrauchten Seele und sie echauffiert sich darüber, dass er es nicht für nötig erachtet hat, ihr zu sagen, dass er HIV-positiv ist? HIV ist nicht mal eine meldepflichtige Krankheit, man ist nicht dazu verpflichtet zu sagen, dass man HIV positiv ist. Außerdem hatten sie sich bis zu diesem Zeitpunkt nur geküsst und – sorry, Jahr 2000 hin oder her – sollte man doch eigentlich wissen, dass HIV nicht durch Küssen übertragbar ist.

Jessica rennt also weg, ruft Dannys beste Freundin an und fängt an, auch ihr Vorwürfe zu machen, warum sie es ihr nicht erzählt habe. Ich meine, hallo? Danny ist der Einzige, der entscheidet, wann und wem er von seiner Krankheit erzählt, niemand sonst. Sie regt sich also über Danny auf (ihre Wortwahl ist einfach nur zum Davonlaufen) und anschließend geht sie zu Danny zurück und tut so, als wäre nichts gewesen; als wäre alles super, als wäre alles toll und erzählt ihm, sie wäre immer für ihn da? Ich sag ja, hinten rum so, vorne rum so.

Dieses Verhalten zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Geschichte. Man muss ihr zugestehen, sie entwickelt sich weiter, ihre Vorurteile allerdings legt sie nicht vollends ab, ganz zu schweigen von ihrem teilweise sehr egoistischen und selbstsüchtigen Verhalten.

Wegen ihr hätte ich das Buch beinahe abgebrochen. Ich war so kurz davor, das Buch in die Tonne zu kloppen (innerlich habe ich schon meinen 10 EUR hinterher geweint), doch mit der Zeit wurde sie dann tatsächlich etwas erträglicher (nach den ersten 200 Seiten). Sie hat dazu gelernt, was mich letztendlich doch dazu veranlasst hat, weiterzulesen.

Sehr negativ aufgestoßen ist mir dann aber wiederum der Epilog. Die Autorin stellt sich für meinen Geschmack wie eine selbstlose Märtyrerin hin. Hinzu kommt, dass die Bitterkeit über das nicht erhaltene Geld definitiv spürbar zwischen den Zeilen herauszulesen ist, auch wenn sie von sich selbst behauptet, dass es ihr egal war. Es hat sich einfach angefühlt als wolle sie sagen “Ich bin so viel besser als du“, was einen ziemlich faden Beigeschmack hatte.

2. Die Lovestory

Dieser Punkt steht vermutlich in Verbindung mit meiner Abneigung gegenüber Jessica, doch ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich die Lovestory völlig Fehl am Platz fand. Mag ja sein, dass es sich so zugetragen hat, mag sein, dass es alles genau so war, für meine Begriffe allerdings hätte bei einer solchen Geschichte nicht die Lovestory im Fokus stehen dürfen, sondern Dannys Geschichte. Es fühlte sich so erzwungen an; so künstlich irgendwie.

Ich empfand die Lovestory einfach als falsch, zumindest in diesem Ausmaß. Ohne diese Lovestory; hätte die Autorin sich tatsächlich nur auf Dannys Geschichte konzentriert, wäre das Buch sicherlich um einiges besser, in dem Fall dann vielleicht sogar tatsächlich lebensverändernd, gewesen.


Wieso ich die Folgebände nicht lesen werden:

Da mir viele empfohlen haben, auch die anderen beiden Bände zu lesen, insbesondere weil mich Dannys Geschichte so berührt hat, möchte ich dazu kurz anmerken, dass ich dies nicht tun werde. Ich möchte der Autorin nichts unterstellen, allerdings fühlen sich die Fortsetzungen für mich einfach “falsch” an. Dass die Autorin ihre gemeinsame Geschichte mit Danny erzählt, meinetwegen, das ist ihre Sache und natürlich hat sie das Recht, diese Geschichte mit der Welt zu teilen. Allerdings empfinde ich es schon fast als ein wenig frech, sich Dannys schrecklicher Vergangenheit zu bedienen, ohne womöglich tatsächlich zu wissen, wie es sich damals wirklich zugetragen hat. Natürlich kann ich mir vorstellen, dass Danny ihr in ihrer gemeinsamen Zeit mehr erzählt hat, als dem ersten Buch zu entnehmen ist und ich weiß auch nicht, inwiefern die Autorin vielleicht schon zur damaligen Zeit mit dem Gedanken gespielt hat, die Geschichte eines Tages niederzuschreiben und sich eventuell bereits die entsprechende “Erlaubnis” dafür eingeholt hat, aber so richtig anfreunden kann ich mich einfach nicht mit dem Gedanken, dass da die Geschichte eines anderen erzählt wird, die so unter Umständen überhaupt nicht stimmt. Das Gleiche gilt im Übrigen auch für Tina. Für mich ist es mehr ein Ausschlachten dieser Geschichte; der Geschichte eines bereits Verstorbenen, der nicht mehr selbst darüber entscheiden kann, ob er es gut findet, dass seine Geschichte (vielleicht sogar auf völlig falsche Weise) in die Welt hinausgetragen wird. Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschieden, die anderen Bücher nicht zu lesen.


Aus den vorgenannten Gründen werde ich das Buch auch weder bewerten, noch eine Empfehlung dafür aussprechen. Ich bin einfach zu sehr hin und her gerissen. Auf der einen Seite liebe ich es, und das von ganzem Herzen, auf der anderen Seite würde ich es am liebsten nehmen und in die nächste Papiertonne werfen. Ich hoffe jedenfalls, dass ich euch mit diesem Beitrag einen kleinen Einblick in meine Gedanken- und Gefühlswelt verschaffen konnte, zumindest was dieses Buch angeht.

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