Rezension: On the come up – Angie Thomas

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Sixteen-year-old Bri wants to be one of the greatest rappers of all time. Or at least make it out of her neighborhood one day. As the daughter of an underground rap legend who died before he hit big, Bri’s got big shoes to fill. But now that her mom has unexpectedly lost her job, food banks and shutoff notices are as much a part of Bri’s life as beats and rhymes. With bills piling up and homelessness staring her family down, Bri no longer just wants to make it—she has to make it.


Vielen Dank an Walker Books, die mir das Buch kostenlos als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat im Austausch gegen meine ehrliche Meinung. Auch hier bleibt meine Meinung unverfälscht. Nähere Informationen hierzu findet ihr HIER.


Nachdem sich Angie Thomas‘ The Hate U Give als unglaublich emotionales und gesellschaftlich bahnbrechendes Buch herausgestellt hatte, konnte ich den zweiten Roman der Erfolgsautorin kaum abwarten. Ich würde lügen würde ich sagen, ich wäre nicht mit unglaublich hohen Erwartungen an dieses Buch herangegangen, was nicht immer die beste Herangehensweise ist, läuft man doch insbesondere bei solch in den Himmel gelobten und bis ins Unermessliche gehypten Büchern Gefahr, enttäuscht zu werden. Nicht allerdings hier; nicht bei On The Come UpAngie Thomas enttäuscht nicht, ganz im Gegenteil, sie beweist auch mit ihrem neuesten Buch, was für eine unglaublich talentierte Autorin sie ist. Denn On The Come Up ist nicht weniger wichtig, nicht weniger großartig und nicht weniger emotional als The Hate U Give

Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals ein ähnliches Buch gelesen haben. Diese Geschichte war etwas ganz Neues für mich; ein junges Mädchen, dessen größter Traum es ist, eine berühmte Rapperin zu werden. Noch nie habe ich ein Buch gelesen, in dem es so intensiv um Musik und vor allen Dingen die Liebe zur Musik geht und noch nie zuvor in meinem Leben habe ich ein Buch gelesen, das so „schwarz“ ist. Ich bin mir leider ziemlich sicher, dass sich einige Leser daran stören werden, wie wir dessen in der Vergangenheit schon öfter Zeuge werden durften, denn es gibt tatsächlich in diesem Buch keine einzige weiße Haupt- bzw. Nebenfigur. Zumindest kann ich mich momentan an keine erinnern, mit Ausnahme von ein paar wenigen Erwähnungen weißer Charaktere. Weiße sind seit Jahrzehnten das Zentrum der (meisten) Literaturgenres, ob wir es nun wahrhaben wollen oder nicht; ob wir bereit sind, uns dies einzugestehen oder nicht. Es ist so und wenngleich die Zeiten sich langsam aber sicher ändern, hat sich unsere Welt noch immer nicht ausreichend geändert. Es ist an der Zeit, dass alle Arten von unterschiedlichen Kulturen in Büchern repräsentiert werden, sodass auch nicht-Weiße sich in Büchern repräsentiert fühlen und sich mit den Figuren dort identifizieren können. Doch es geht nicht nur um eine gute Repräsentation, sondern auch darum, allen anderen die Augen zu öffnen und ihnen deutlich zu machen, dass es Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion, Sexualität, etc. pp. gibt. Gerade im Bereich des Jugendbuchgenres empfinde ich das als unglaublich wichtig, gibt es noch immer viel zu wenige Bücher auf dem Markt, die auch Minderheiten repräsentieren. Denn genau das ist es doch, was den Jugendlichen oder Menschen allgemein hilft, sich zugehörig zu fühlen und anderen hilft zu verstehen, dass die Welt eben nicht nur aus weißen cis Menschen besteht. 

Ich bin weder schwarz, noch bin ich in einem armen Stadtteil aufgewachsen, deren Gesellschaft von Drogen, Gangs und Bandenkriegen geprägt war. Ich wurde nie wegen meiner Herkunft oder meiner Hautfarbe diskriminiert, ganz im Gegenteil, genau deswegen erfreue ich mich bereits mein ganzes Leben an Privilegien, die andere Menschen nicht haben. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten von uns genau dasselbe Glück hatten/haben und genau aus diesem Grund ist dieses Buch so wichtig, denn es hilft uns zu verstehen …. 

Obwohl die Geschichte in einer fiktiven Stadt namens Garden Heights spielt, könnte die Geschichte an sich nicht weniger fiktiv sein. Sie handelt von systematischem Rassismus und Armut, der auch noch heute in Amerika vorherrscht und der alltägliche Realität für so viele Menschen – insbesondere auch schwarze Jugendliche – ist. Angie Thomas erzählt nicht nur eine Geschichte, sie kritisiert die aktuelle Situation in den USA; die aktuelle Situation auf der Welt und hält sich keineswegs zurück dabei. Es geht um Rap-Kultur, Rassismus, Polizeigewalt, Drogen(missbrauch) und mehr. Dabei beleuchtet sie allerdings nicht nur eine Seite der Münze. Sie hebt z. B. nicht nur die ausschließlich schlechten Seiten von Drogen hervor und die Konsequenzen, die aus Drogenhandel/-missbrauch resultieren, sondern sie gräbt viel tiefer. Sie zeigt auf, warum Drogenhändler mit Drogen handeln, weshalb Süchtige Drogen nehmen, warum Eltern ihre Kinder verlassen, wie und weshalb Menschen in Armut leben, wieso Menschen Mitglied einer Gang werden, warum Rapper eben die Texte verwenden, die sie nun einmal in ihren Songs verwenden und keine anderen. 

Angie Thomas selbst ist in einer Nachbarschaft in Jackson, Mississippi, aufgewachsen, die der von Garden Heights sehr ähnlich ist. Natürlich soll dieses Buch zum Nachdenken anregen; es soll den Menschen dabei helfen, zu reflektieren, das eigene Denken vielleicht in Frage zu stellen, doch im Grunde hat Angie Thomasdieses Buch nicht für uns – Weiße – geschrieben, sondern für die schwarzen Kinder und Jugendliche, die eben in einer solchen Nachbarschaft aufwachsen; die sich bisher in keinem Buch richtig repräsentiert gefühlt haben und sich in diesem Buch nun endlich – hoffentlich – wieder finden und daraus eventuell Mut schöpfen können, vielleicht sogar Inspiration. Dieses Buch spiegelt das wahre Leben wider, nicht das Leben eines jeden schwarzen Kindes/Jugendlichen/Mannes/Frau, dennoch das Leben unglaublich vieler Menschen auf diesem Planeten. Es macht die Umstände deutlich, mit denen Menschen auch noch heutzutage zu kämpfen haben, während andere in ihren Privilegien fast schon ertrinken. 

Ebenso geht es auch darum, Respekt gegenüber Menschen und deren Vergangenheit und Lebenshintergründen zu haben. Es geht darum, sich von Vorurteilen zu befreien, denn nicht jeder Mensch, der einmal Drogenmissbrauch begangen hat, ist ein schlechter Mensch und hat es dennoch verdient, dass man ihn mit Respekt behandelt.  

Was ich so unglaublich mag an ihren Büchern ist die Tatsache, dass Angie Thomas ihre Stimme nutzt, denjenigen eine Stimme zu geben, die auch heute noch viel zu häufig unterdrückt werden. Sie schreibt über Dinge, über die sie schreiben kann, weil es ihre eigene Geschichte ist. So wird in diesem Buch zum Beispiel auch Homosexualität thematisiert. Mit jede Menge Fingerspitzengefühl erzählt sie die Geschichte eines schwulen Jungen, macht sie sich allerdings nicht zu eigen, weil sie sich als Frau niemals in einen schwulen Jungen hineinversetzen kann. Sie macht auf diese Thematik aufmerksam, erzählt seine Geschichte – macht sie aber nicht zu ihrer eigenen und das ist in meinen Augen etwas ganz Besonderes und vor allen Dingen etwas ganz wichtiges, insbesondere im Jugendbuchgenre. 

Was die Rap-Kultur angeht, habe ich mich mit diesem Buch in völlig neue und fremde Gefilde begeben. Noch nie zuvor habe ich etwas Vergleichbares gelesen. Es geht um die junge, unglaublich talentierte Bri, Tochter eines berühmten, leider bereits verstorbenen Rappers, deren größter Traum es ist, selbst einmal eine berühmte und erfolgreiche Rapperin zu werden, nicht nur des Erfolges wegen, sondern auch, um ihrer Familie endlich aus der Armut zu helfen. Es gibt hier mithin nicht nur einen Handlungsstrang, sondern ganz viele, die ineinander übergehen. Und auch wenn ich Bris Handlungen und vor allen Dingen auch Entscheidungen nicht immer nachvollziehen konnte – doch wie sollte ich auch, immerhin bin ich weit davon entfernt mich auch nur ansatzweise in sie und ihr Leben hineinversetzen zu können – habe ich mich gleich mit ihr verbunden gefühlt. Sie schließt gerne voreilige Schlüssel und handelt oft, ohne über Folgen oder Konsequenzen nachzudenken, was mich manchmal wirklich zur Weißglut trieb, dennoch ist sie ein unglaublich kluges und inspirierendes junges Mädchen mit dem Herz am richtigen Fleck, die eben einfach noch sehr jung ist, in ihrem Leben bereits viel durchmachen musste und es hin und wieder einfach nicht besser weiß. Außerdem hat sie einen großartigen Sinn für Humor – mehr als einmal hat sie mich laut auflachen lassen. 

Neben Bri ist es mir auch unglaublich leicht gefallen, eine (emotionale) Verbindung zu den anderen Figuren aufzubauen; insbesondere hingezogen fühlte ich mich zum Beispiel zu Brie’s Mutter, ging mir ihre Geschichte ganz besonders nahe, aber auch Sonny und Malik habe ich gleich von Anfang an in mein Herz geschlossen, ebenso der dezent freche und immerzu gut gelaunte Curtis, der mir mehr als einmal ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat. Was mich ebenfalls immer wieder beeindruckt hat ist, wie Angie Thomas es sogar schaffte, Sympathien den eigentlichen „Bösen“ gegenüber in mir hervorzurufen. Das zeugt meines Erachtens davon, dass man als Autor sein Handwerk versteht und gerade auch im Bereich Character Building/Character Development unglaublich talentiert ist und auch eigens sehr viel Wert darauf legt, denn ganz gleich wie gut und interessant die Geschichte auch ist, wenn die Charaktere nicht passen, passt das ganze Bild nicht. 

Auch der Schreibstil konnte mich wieder vollends überzeugen, auch wenn es für den ein oder anderen, insbesondere die Dialoge, gewöhnungsbedürftig sein könnte. Angie Thomas schafft es einfach jedes Mal, mich mit ihren Worten zu berühren. Ihre Texte sind so unglaublich emotional, selbst die Songtexte verursachten bei mir ununterbrochen Gänsehaut. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr mich die Worte der Autorin berühren. Außerdem gab es jede Menge Black Panther Anspielungen, die ich als Black Panther Fangirl absolut genossen und regelrecht gefeiert habe. Wakanda Forever. Es gab mithin einige Easter Eggs, was großartig ist. Wahrscheinlich sind mir einige entgangen, doch Angie Thomas hat zum Beispiel auch auf Bücher anderer Autorenkollegen verwiesen – ich finde es einfach so absolut großartig, wenn Autoren sich auf diese Art und Weise unterstützen. 

Wie man sieht und liest konnte mich auch On The Come Up endlos begeistern, nicht nur wegen der wichtigen Themen, die hier angesprochen und behandelt werden, sondern auch aufgrund des absolut genialen Schreibstils, der großartigen Charaktere und des für mich absolut neuen Plot, der nicht nur Spaß macht, sondern auch unterhält und inspiriert. Es geht um Freundschaft, Familie und Loyalität und warum genau das im Leben Jugendlicher so unglaublich wichtig ist. Dieses Buch spiegelt beinahe schon bis ins kleinste Detail das alltägliche Leben vieler Menschen wider und ich hoffe wirklich sehr, dass diese Geschichte ganz vielen Lesern die Augen öffnen wird und sie zum Nachdenken anregt.  

TIPP: Auf Deutsch erscheint das Buch am 04. März 2019 bei cbj.


INFOS ZUM BUCH

Autor: Angie Thomas
Titel: On the Come Up
Verlag: Walker Books
Seiten: 435
Erscheinungsdatum: 07. Februar 2019


KATEGORIE

[Die Erklärung zu meinen Bewertungs-Kategorien kannst du HIER nachlesen.]

WEITERE REZENSENTEN

Solltest du ebenfalls eine Rezension zu diesem Titel geschrieben haben, verlinke sie mir gerne in den Kommentaren, sodass ich sie hier mit aufnehmen kann.


Der Beitrag wurde durch die Bereitstellung des kostenlosen Rezensionsexemplares gesponsert. Fotos: IvyBooknerd / / Die Rechte an den Covern unterliegen dem jeweiligen Verlag & Designer.

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4 Comments

  • Das klingt toll! THUG fand ich fantastisch, darum habe ich auch an dieses Buch schon hohe Erwartungen gehabt. Oft wird man gerade dann ja enttäuscht, weil das Buch da nicht mithalten kann, wie du schon sagst, darum freut es mich total, zu hören, dass es in diesem Fall nicht so ist.
    Sehr schöne und ausführliche Rezension!

    • Liebe Jacquy,

      THUG war auch einfach ein absolut geniales Buch. Dann hoffe ich wirklich sehr, dass dich On the Come Up ebenso überzeugen wird – ich fand das Buch einfach absolut großartig!

      Liebste Grüße
      Ivy

  • Liebe Ivy,

    Was für eine unglaublich wundervolle Rezension! Ich bin absolut begeistert, denn du befasst dich nicht nur mit der Geschichte an sich, sondern eben auch damit, was die Geschichte repräsentiert. Das finde ich großartig.
    Und jetzt, da ich deine Rezension gelesen habe, habe ich noch einen neuen Blickwinkel. Denn ich bin – mehr oder weniger – davon ausgegangen, dass die Autorin auch in diesem Buch wieder darlegen möchte, wie privilegiert weiße Kinder behandelt werden. Aber darum geht es eben nicht (nur). Du hast vollkommen recht. Es geht eher darum, schwarzen Kids eine Stimme zu geben. Dass es eben mal nur um sie geht. Danke! <3
    Ich muss sagen, das Buch selbst hat mir wieder sehr gefallen, allerdings hätte ich Bri am liebsten dauerhaft an die Wand geklatscht. Ja, sie ist jung. Ja, sie hat es nicht einfach. Dennoch benimmt sie sich teilweise … puh. Vielleicht liegt es allerdings genau an den Dingen, die du aufgeführt hast. Weil sie es eben nicht so einfach hat. Weil sie versucht einen Ausweg zu finden. Normalerweise fällt es mir nicht schwer, mich in Protagonisten reinzuversetzen. Diesmal schon. Und vielleicht ist es genau das, was das Buch so wichtig macht. Dass es einfach anders ist. Zum Nachdenken anregt. Und eben jenen eine Stimme gibt, die viel zu selten eine haben.

    Liebste Grüße
    Wiebi

    • Liebe Wiebi,

      ich danke dir sehr für dein Kommentar und es freut mich riesig, dass dir die Rezension gefällt!

      Ich gebe dir Recht, ich konnte Bri auch nicht immer nachvollziehen und manchmal hat sie mich wirklich wütend gemacht, aber auf der anderen Seite ist es mir halt auch absolut gar nicht möglich, sie richtig zu verstehen, da ich nie ähnliche Erfahrungen gemacht habe, bzw. jemals machen werde. Deshalb hat mir das Buch glaube ich auch so gefallen, einfach, weil es mir eine völlig andere Welt vor Augen geführt hat, in der manche Menschen selbst heutzutage noch Leben. Natürlich bekommt man immer mal was mit, durch die Medien, durch Freunde und Bekannte, doch wenn jemand eine solche Geschichte erzählt, der sie praktisch selbst erlebt hat, ist das noch mal was ganz anderes finde ich.

      Mir hat das Buch jedenfalls richtig gut gefallen; es war auch einfach was völlig Neues für mich hinsichtlich der Rap Geschichte 🙂

      Ganz liebe Grüße
      Ivy

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