Anne with an E | Wieso die Netflix-Serie ein absolutes Meisterwerk ist

Titelbild:
People: Amybeth McNulty
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Obwohl sich die Serie “Anne with an E” an einiger Beliebtheit erfreut, so hat sie es doch leider (noch) nicht in den Mainstream geschafft. Bedauerlicherweise wurde die Serie gegen Ende letzten Jahres gecancelt. Die News schockierten nicht nur die eingefleischten Fans, sondern stimmten sie auch unendlich traurig. #RenewAnnewithanE ist ein aktuell häufig genutzter Hashtag in der Community. Obwohl ich selbst erst kürzlich auf die Serie aufmerksam wurde, so schließe ich mich dieser Hashtag Aufforderung doch sehr gerne an, denn „Anne with an E“ ist ein meiner Meinung nach übersehenes Meisterwerk, das – auch wenn es voraussichtlich keine weiteren Staffeln mehr geben wird – es verdient hat, gesehen zu werden.

Die Serie basiert auf der Kinderbuchreihe „Anne of Green Gables“ der kanadischen Autorin Lucy Maud Montgomery aus dem Jahre 1908. Angesiedelt ist die Geschichte gegen Ende des 19 Jahrhunderts, sprich in den 1890er Jahren.

People: Geraldine James, R.H. Thomson, Amybeth McNulty
© CBC, Netflix

Da ich erst mit 15/16 Jahren so richtig mit dem Lesen anfing, ging diese Buchreihe bedauerlicherweise als Kind völlig an mir vorbei. Im Laufe der Jahre hörte ich natürlich immer mal wieder von dieser Geschichte, sah das Buch, nicht nur auf Social Media, sondern auch in Buchhandlungen und Bibliotheken und doch habe ich nie dazu gegriffen, trotz meiner Vorliebe für Kinderbücher. Nachdem ich nun aus einer Laune heraus angefangen habe, die Serie zu schauen, und mich – wider Erwarten – unsterblich verliebte, habe ich mir zwischenzeitlich auch die Bücher (Teil 1 und Teil 2 bisher) zugelegt und natürlich auch sofort mit dem Lesen angefangen und was soll ich sagen? Meine Liebe wächst und gedeiht von Tag zu Tag ein Stückchen mehr…

Aufgrund der Tatsache, dass diese Buchreihe als Kinderbuchreihe deklariert wird, könnte man darauf schließen, dass die Geschichte eben auch ausschließlich an Kinder gerichtet ist, doch innerhalb dieser Serie; innerhalb dieser wunderbaren Welt, die Lucy Maud Montgomery in ihren Büchern geschaffen hat, sind Lektionen enthalten, die nicht nur für Kinder, sondern ebenso für Erwachsene, im Grunde für das ganze Leben, relevant sind und den Leser bzw. Zuschauer dazu ermutigen, der Welt und ihren Bewohnern gegenüber ein wenig offener zu sein.

Anne hat ein Herz aus Gold; ein Herz so groß wie der Mount Everest. Ich bin der festen Überzeugung, dass wenn mehr Menschen wären wie Anne, unsere Welt ein so viel friedlicher und besserer Ort wäre.

People: Dalila Bela, Kyla Matthews, Amybeth McNulty, Lia Pappas-Kemps, Miranda McKeon, Glenna Walters, Ryan Kiera Armstrong
© CBC

Anne ist eine Waise, wurde von Ort zu Ort, von zu Hause zu zu Hause geschleppt, ohne jemals wirklich ein richtiges zu Hause zu finden, ohne wirklich zu erfahren, was Liebe bedeutet und wie sie sich anfühlt. Sie wurde misshandelt und gemobbt, sie wurde gequält und ausgelacht und hatte stets das Gefühl, hässlich, wertlos und unbedeutend zu sein. Ihre unbändige Fantasie und die Liebe zur Natur und der Welt waren es, die ihr dabei halfen, diese Zeit zu überstehen. Sie träumte sich an fremde Orte, bediente sich an ihrer immensen Vorstellungskraft und machte ihr eigentlich so unerträgliches Leben dadurch ein wenig erträglicher. Doch trotz dieser schrecklichen Erfahrungen oder vielleicht gerade deswegen wurde Anne zu einem ganz besonderen, weltoffenen, freundlichen und höflichen, sowie liebevollen Menschen, zu einem/einer Mädchen/jungen Frau, die mit jeder einzelnen Faser ihres Körpers liebt und lebt.

Irgendwann jedoch nimmt ihr Leben eine klare Wendung, denn, sie wird adoptiert. Diesmal nicht als Haus- oder Kindermädchen, bzw. Küchenhilfe oder Dienstmagd, nein, diesmal als Tochter und zwar von dem Geschwisterpaar Marilla und Matthew Cuthbert von Green Gables in Avonlea.

Avonlea ist eine Stadt mit verschlossenen Gemütern, mit strukturierten und konservativen Gedankengängen und Tagesabläufen, die kaum Platz lassen für Neues. Und dann taucht plötzlich die junge Anne auf, mit ihrem breiten Grinsen, ihren strahlenden Augen, ihrem feuerroten Haar, ihrem immensen Wissensdurst und ihrer unbändigen Liebe zum Leben. Anne ist eine Naturgewalt und stellt nicht nur das Leben von Marilla und Matthew, sondern von ganz Avonlea, auf den Kopf.

„Anne with an E“ ist nicht bloß eine Coming-of-Age-Geschichte, sondern gleichzeitig die Geschichte eines jungen Mädchens, das eine ganze Stadt verwandelt, den Menschen die Augen für neue Möglichkeiten öffnet, Vorurteile ausräumt und die Menschen lehrt, das Leben, mit all seinen guten und schlechten Seiten, zu lieben. Anne nimmt kein Blatt vor den Mund, sie redet wie ihr der Mund gewachsen ist und ist laut; sie ist wahnsinnig laut, insbesondere dann, wenn es darauf ankommt. Sie setzt sich für Menschen ein, die ungerecht behandelt werden, sie kämpft gegen die Ungerechtigkeiten des Lebens an und das mit ganzem Herzen und aus vollster Seele und genau das ist, was die Menschen um sie herum langsam wach zu rütteln scheint.

People: Lucas Jade Zumann, Amybeth McNulty
© CBC

Die Serie behandelt Themen wie Sexualität, Sexismus, Krankheit, Akzeptanz, Toleranz, Älterwerden, Rassismus, ebenso Mobbing und weitere Themen, die heute noch ebenso aktuell sind, wie sie es damals waren und immer wieder schauen wir Anne dabei zu, wie sie versucht, eben denjenigen zu helfen, die es im Leben nicht ganz so gut getroffen haben; die Menschen, die schlecht und ungerecht behandelt werden, denn Anne weiß ganz genau, wie es sich anfühlt, behandelt zu werden, wie ein Außenseiter. Als wäre man nicht einmal das Stück Boden wert, auf dem man läuft.

Doch trotz allem ist Anne natürlich nach wie vor ein Kind. Manchmal wird sie von ihren Gefühlen überwältigt, was dazu führt, dass sie hin und wieder auch schon mal Dinge tut, die sie besser nicht tun sollte, ganz gleich ob sie glaubt, es sei das Richtige. Sie ist impulsiv und emotional und lässt sich mehr von ihrem Herzen und ihren Gefühlen leiten, als von ihrem Verstand, doch trotzdem bereichert sie Avonlea auf eine Weise, wie es dort vermutlich niemand für möglich gehalten hätte. Im Gegenzug bekommt Anne all dies zurück, wonach sie sich all die Jahre der Hilflosigkeit gesehnt hatte: Liebe, Freundschaft und Familie.

Die Schauspieler spielen ihre Rollen mit einer Intensität, dass man selbst als Zuschauer spürt, wie viel Herzblut, Liebe und Leidenschaft in all diesen gesprochenen Worten steckt. Es steckt eine wortgewaltige, kunterbunte und wahnsinnig emotionale Kraft in dieser überaus klugen und herzzerreißenden Serie, wie ich es bis dato noch bei keiner anderen Serie erlebt habe – durchläuft Anne doch so wahnsinnig extreme Höhen und Tiefen. Die Serie unterscheidet sich mithin nicht nur in ihrer Wortgewandtheit und ihrer Emotionalität von anderen Serien, sondern auch in ihrer Aufmachung. So ist zum Beispiel die Kameraführung großartig darin, eben diese Emotionen einzufangen und darzustellen. Das, was nicht ausgesprochen wird, die Worte die fehlen, tun sich die Charaktere hier und da immer mal wieder schwer mit der Kommunikation, wird auf andere Weise wahnsinnig intensiv dargestellt.

„Anne with an E“ vermittelt eine Weltsicht, wie sie jeder von uns bereits haben sollte. Anne ist einzigartig und besonders, sie ist genauso bunt wie das Leben selbst und scheut sich nicht, ihre Liebe zum Leben und zu all dem, was sie umgibt, auch zum Ausdruck zu bringen.

Anne und all die anderen wunderbaren Charaktere treffen einen mitten ins Herz. Sie berühren, inspirieren und regen zum Nachdenken an. Sie geben dem Zuschauer ein Gefühl von Wärme, ein Gefühl, dass doch irgendwann einmal alles gut werden wird, ganz gleich wie groß die Steine, die uns in den Weg geworfen werden, im Moment auch erscheinen mögen.

Die Serie ist so herrlich unperfekt, dass sie schon fast wieder perfekt ist. Ehrlich und authentisch, klug und mitreißend, irgendwie poetisch und wahnsinnig emotional – bei dieser Sendung bleibt kein Auge trocken. Geeignet für jedes Alter und ein Muss für alle, die ein wenig aus den ganzen Mainstream Serien herausbrechen möchten. „Anne with an E“ ist kaum in Worte zu fassen. Sie ist einfach perfekt. Ich denke, das trifft es ganz gut.

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