Aus dem Leben einer Introvertierten: Mündliche Prüfung

Was bedeutet “introvertiert” eigentlich? Introvertierte Menschen richten ihre Energie meist stärker auf ihr Innenleben. In (größeren) Gruppen neigen sie dazu, zu Beobachten, statt sich aktiv mit einzubringen. In meinem letzten Beitrag dieser Reihe ging es um das Thema Telefonieren, heute möchte ich meine Gedanken und Gefühle in Bezug auf mündliche Prüfungen mit euch teilen.

Ich war immer eine gute Schülerin. Wenn man Mathe mal außer Acht lässt und auch Chemie nicht allzu viel Bedeutung schenkt, so lagen meine Noten immer im Zweier-Bereich, in Deutsch, Kunst, Englisch meist sogar im Einserbereich. Ich liebte es zu lernen, verbrachte Nachmittage lieber damit, mich mit meinen Hausaufgaben auseinanderzusetzen, statt draußen mit meinen Freund*innen zu spielen. Arbeiten, Klausuren und Prüfungen stellten für mich selten eine große Herausforderung dar – solange sie schriftlich waren. Mündliche Prüfungen hingegen waren es, die mich immer aus der Bahn warfen. Und das tun sie auch noch heute.

In knapp zwei Monaten steht mir eine mündliche Prüfung bevor. Ein Ereignis, welches mir schon jetzt weiche Knie und Albträume beschert. Während ich die drei vorangegangenen schriftlichen Prüfungen sehr gut gemeistert habe, habe ich das Gefühl, der bevorstehenden mündlichen Prüfung einfach nicht gewachsen zu sein. Meine Knie fangen an zu schlottern, wenn ich nur daran denke, ein gemeiner Ausschlag breitet sich jedes Mal auf meiner Haut aus, wenn ich anfange darüber zu sprechen, ganz zu schweigen von dem Herzrasen, das mir jegliche Luft zum Atmen nimmt, sobald ich mir vorstelle, wie ich vor den drei Prüfern sitze, vermutlich kein Wort herausbekomme und am Ende mit einer Sechs aus der Prüfung gehe, nur um festzustellen, dass die vergangenen zweieinhalb Jahre völlig für die Katz waren.

Warum das so ist? Es gibt meiner Meinung nach ein paar Gründe …

Introvertierte Menschen neigen dazu, alles zu durchdenken, manchmal sogar zu zerdenken. Doch in Situationen wie der einer mündlichen Prüfung geht alles so schnell, dass keine Zeit bleibt, großartig nachzudenken. Die Antworten müssen sitzen; am besten sollten sie wie aus einer Pistole geschossen kommen. Vielleicht ist es die Unsicherheit, die uns quält, die Frage nach dem “gut genug”. Reicht meine Antwort? Bewirke ich mit meiner Antwort eine Rückfrage und laufe ich somit Gefahr, die Antwort darauf nicht zu kennen?

Und dann ist da auch noch dieses Gefühl, im Mittelpunkt zu stehen. Ich sitze dort, auf meinem Stuhl, während nicht nur zwei weitere Prüflinge darauf warten, dass ich endlich mit der Antwort rausrücke oder vielleicht hoffen, dass ich noch ein wenig länger brauche, um ein wenig Zeit zu schinden, nein, auch drei Prüfer sitzen dort, die Augen starr auf mich gerichtet und warten darauf, dass ich endlich den Mund auf mache. Ich hasse es, wenn man mich anstarrt; wenn alle Augen und Aufmerksamkeit auf mich gerichtet sind, wenn nur darauf gewartet wird, dass ich etwas sage/tue. Was nicht bedeutet, dass ich nicht in der Lage wäre, vor Menschen zu sprechen. Das eigentlich überhaupt nicht. Das kann ich sogar recht gut, wenn ich mich dann erst einmal dazu überwunden habe. Doch diese Zeit habe ich eben nicht.

Zu Beginn der Weiterbildung war der Gedanke an die mündliche Prüfung noch so weit weg, dass ich ganz gut damit leben konnte. Ein Schritt nach dem anderen hieß es für mich erst einmal, eine Prüfung nach der anderen. Ich würde mich zunächst drei schriftlichen Prüfungen stellen müssen, dann könnte ich mir Gedanken um die mündliche Prüfung machen. Erst dann. Nun, jetzt ist es soweit. Die schriftlichen Prüfungen sind vorüber und ich sitze hier auf heißen Kohlen und habe das Gefühl, erst dann wieder richtig durchatmen zu können, wenn diese mündliche Prüfung endlich vorüber ist.

Sind mündliche Prüfungen überhaupt fair?

All diese Gedanken, diese Empfindungen und Emotionen haben mich zu der Frage gebracht, ob mündliche Prüfungen überhaupt fair sind. Im Studium sind mündliche Prüfungen eher selten, zumindest hier bei uns. In Ausbildungsberufen sind sie unabkömmlich, in manchen Berufen gibt es sogar eine praktische Prüfung. Was ist also? Sind mündliche Prüfungen unfair? Unfair für diejenigen introvertierten Menschen, die einfach mit der Situation nicht zurecht kommen? Immerhin sagt dies wenig über unseren Wissensstand aus. Oftmals liegt es einfach nur an der Aufregung, der Nervosität, der Angst davor, vor fremden Menschen sprechen zu müssen; die Angst zu versagen. Wäre es daher nicht um einiges fairer, wenn das gesamte Wissen schriftlich abgefragt werden würde? Wäre das dann gegenüber extrovertierten Menschen noch fair? Menschen, ohne Prüfungsangst; Menschen, die gut reden können und die gerade mit solchen mündlichen Prüfungen noch einmal jede Menge Punkte sammeln?

Ich bin mir unsicher, ob es überhaupt möglich wäre, hier ein Gleichgewicht zu finden; eine Lösung, die fair für alle ist. Vermutlich existiert eine solche Lösung gar nicht, da man es nie allen Recht machen kann.

Was ich allerdings weiß ist, dass ich gut und gerne auf mündliche Prüfungen verzichten könnte. Mein Notendurchschnitt wäre um einiges besser, wenn ich mich nicht ständig solchen Situationen ausgesetzt sehen würde. Es ist die Angst, die mir jedes Mal die Kehle zuschnürt und mich am Denken und am Sprechen hindert.

Wenn ihr also Tipps habt, postet sie mir gerne in die Kommentare. Ich bin für alles offen, um mich bestmöglich auf die kommende Prüfung Anfang April vorzubereiten.

Wie ist das bei euch? Wie empfindet ihr solche Prüfungssituationen? Vielleicht auch aus Sicht einer extrovertierten Person? Lasst es mich sehr gerne wissen – ich freue mich auf einen regen Austausch!

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