Aus dem Leben einer Introvertierten: Telefonieren

Introvertierte Menschen richten ihre Energie meist stärker auf ihr Innenleben. In (größeren) Gruppen neigen sie dazu, zu Beobachten, statt sich aktiv mit einzubringen. So werden sie häufig als ruhig und zurückhaltend beschrieben. Viele bezeichnen sie auch als schüchtern. Allerdings ist Introversion nicht gleichzusetzen mit Schüchternheit, denn genauso wie es schüchterne extrovertierte Menschen gibt, so gibt es auch nicht schüchterne introvertierte Personen. Der wohl größte Unterschied zwischen Extrovertierten und Introvertierten ist der, dass introvertierte Menschen, wenn sie eine recht lange Dauer verbracht haben, ohne Zeit nur für sich selbst, sie sich oft energielos fühlen. Introvertierte Menschen bevorzugen daher oftmals ruhigere Umgebungen wie z. B. das eigene Zuhause oder Wälder. Irrtümlicherweise werden Absagen von Verabredungen etc. von Freunden und Bekannten oftmals so interpretiert, als hätten sie kein Interesse; als wäre ihnen die Freundschaft gleichgültig. Dem ist allerdings nicht so. Ebenso wie extrovertierte Menschen, sehnen sich auch introvertierte Menschen nach Freundschaften und Unternehmungen, eben nur auf eine andere Art und Weise und definitiv in einem anderen Umfang. Während laute, überfüllte Partys meist gemieden werden, verbringen sie aber dennoch gerne Zeit mit vertrauten Menschen; mit Freunden und Familie.

Introvertiert zu sein, bedeutet mithin nicht, sich von allem und jedem abzusondern, immer nur ruhig irgendwo dazusitzen oder all seine Zeit in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Ganz im Gegenteil. In Anwesenheit vertrauter Menschen können auch introvertierte Menschen gesprächig, aufgeweckt und laut, enthusiastisch, aktiv und abenteuerlustig sein.

Auch ich zähle mich eher zu den introvertierten Menschen. Viel Trubel; viele Menschen bringen mich oft aus der Ruhe. Ich habe dann ganz häufig das Gefühl, als hätte man mir all meine Energie entzogen. Manchmal schreit mein Kopf und mein Körper so laut nach Ruhe und ein wenig Zeit für mich, dass ich einfach eine Pause brauche, um wieder aufzutanken. Pause von all den Menschen um mich herum, Pause vom stressigen Alltag, Pause vom Leben. Ich liebe es alleine zu sein; Zeit nur mit mir selbst zu verbringen. Allerdings bedeutet dies nicht, dass ich mich an Unterhaltungen nie aktiv beteilige, dass ich meine Meinung immer für mich behalte, dass ich kaum etwas unternehme, mich quasi von allem abschotte. Wenn die “richtigen” Leute um mich herum sind, werde auch ich zum “extrovertierten” Menschen.

Und genau aus diesem Grund habe ich mir diese neue Beitragsreihe überlegt: Aus dem Leben einer Introvertierten. Vielleicht können sich ein paar von euch ja mit meinen Texten und Gefühlen identifizieren und vielleicht hilft es anderen Menschen, introvertierte Personen ein bisschen besser zu verstehen.


Telefonieren

Für die meisten Menschen vermutlich die einfachste Sache der Welt. Ganz egal ob im Privatleben oder im Berufsalltag. Telefonisch lässt sich so viel so schnell klären. Das persönliche Gespräch hilft auch oft dabei, die andere Person besser zu verstehen, ihre aktuelle Gefühlslage, Wünsche, Vorstellungen, Bedürfnisse, Probleme – Schwierigkeiten lassen ich so ganz häufig viel schneller aus der Welt schaffen, wohingegen Kommunikation via E-Mail oftmals Missverständnisse und jede Menge Rückfragen aufwirft.

Und dennoch meide ich das Telefonieren und greife – wenn ich denn die Möglichkeit habe – immer wieder zum schriftlichen Kommunikationsweg.

Für viele stellt das Telefonieren eine fast unüberwindbare Herausforderung dar. Sie haben Angst; Angst davor mit einem anderen Menschen per Telefon zu kommunizieren. Für die Menschen, für die es zum Alltag dazu gehört, die lieber telefonieren, statt ständig E-Mails hin und her zu schicken, klingt das vermutlich total bescheuert. All jene, die ebenfalls Unbehagen empfinden, wenn es darum geht, ein Telefonat zu führen, können diese Angst mit Sicherheit nachvollziehen. Auch wenn man es kaum glauben mag, die Angst vor dem Telefonieren ist sehr weit verbreitet; manchmal ist diese Angst sogar so intensiv, dass man hier – zumindest umgangssprachlich – sogar schon von einer Phobie spricht.

“Ruf doch einfach an …”

Mein gefühlt gesamtes Leben habe ich das Telefonieren vermieden. Als ich dann Ausbildung in einem Büro anfing und es hieß, dass ich auch Telefonate entgegennehmen müsse, klingelten bei mir sämtliche Alarmglocken. Ich hasste es zu Telefonieren. Musste ich früher einen Termin beim Arzt vereinbaren, ließ ich jedes Mal meine Mutter anrufen. Glücklicherweise hat sich diese Angst mit den Jahren gebessert. Dazu beigetragen hat sicherlich auch mein Job. Telefonieren gehört im Berufsleben mittlerweile zu meinem Alltag. Und ich komme gut damit zurecht; sehr gut. Mittlerweile ist es sogar so, dass meine Mutter mich fragt, ob ich wichtige Anrufe für sie erledigen könne, sei es nun ein Anruf beim Finanzamt oder aber bei ihrem Telefonanbieter. Sie meint immer, ich könne mich besser ausdrücken, könne am Telefon besser mit den Leuten umgehen. Das war nicht immer so, wirklich nicht.

Und auch wenn ich mittlerweile gelernt habe, damit umzugehen, zumindest im Berufsalltag, so verbanne ich das Telefonieren dennoch fast vollständig aus meinem Privatleben.

Wenn mein Handy klingelt, gehe ich nicht ran. Okay, es gibt Ausnahmen. Ich gehe ran, wenn Freund, Eltern und Bruder mich anrufen, doch ansonsten lasse ich es meist klingeln; bei unbekannten Nummern erst Recht. Bei unbekannten Nummern spüre ich auch heute noch dieses Gefühl von Angst, das in mir aufkommt und mein Herz zum Rasen bringt.

Ich weiß, viele Menschen lieben das Telefonieren, hängen mit Freunden und Freundinnen stundenlang an der Strippe, quatschen so lange, bis der Tag schließlich zur Nacht wird. Eine Vorliebe, die ich in keiner Weise nachempfinden kann. Für mich stellt so etwas purer Stress dar. Aus diesem Grund meide ich auch Sprachnachrichten, die sich heutzutage bedauerlicherweise an immer mehr Beliebtheit erfreuen. Das geht teilweise so weit, dass ich sie nicht abhöre. Nie. Auch nicht von Freunden, was wiederum nicht böse gemeint ist. Die meisten wissen zum Beispiel auch, dass ich Sprachnachrichten und Telefonieren nicht mag, wenn sie es dennoch tun, müssen sie eben damit rechnen, dass ich nicht ran gehe oder Sprachnachrichten nicht abhöre.

Gibt es die Telefon-Phobie tatsächlich?

Bei der sogenannte Telefon-Phobie handelt es sich zwar (noch) nicht um eine klinisch bewiesene Angststörung, dennoch bedeutet dies nicht, dass diese Angst nicht real ist, dass die Angst vor dem Telefonieren bloß reine Einbildung ist. Es handelt sich dabei um eine Form der Sozialphobie, die jedoch wiederum klinisch bewiesen ist. Menschen haben Angst davor, Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen. Diese Angst äußerst sich bei Betroffenen natürlich unterschiedlich. Die einen meiden Menschenmassen, andere verzichten auf Smalltalk und wieder andere haben einfach riesige Angst davor, ein Telefongespräch zu führen. Bei manchen zum Beispiel äußert es sich nicht auf die eine oder andere Weise, sondern die Sozialphobie ist so stark ausgeprägt, dass sie jeglichen Kontakt zu Menschen meiden, egal um welche Art und Weise der Kontaktaufnahme es sich handelt.

Ich denke dass auch dies bei mir eine große Rolle spielt. Auch ich leide unter Sozialphobie, es ist vermutlich keine sehr ausgeprägte Form dieser Angst, tritt sie auch nicht ständig auf, dennoch merke ich, wie mir der Kontakt zu Menschen teilweise wirklich die Luft um Atmen nimmt. Die Menschen sind so hektisch geworden, so laut, so rücksichtslos und manchmal, manchmal fühle ich mich in ihrer Anwesenheit einfach völlig Fehl am Platz. Manchmal fühle ich mich in einer Gruppe Menschen unglaublich einsam und verlassen, während ich zu Hause in meinen eigenen vier Wänden, ganz alleine, nicht glücklicher sein könnte. Es laugt mich einfach manchmal so sehr aus, dass ich Ruhe brauche. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich in meinem Job den ganzen Tag über ständig Telefonate führen muss; mich mit den verschiedensten Charakteren herumschlagen muss. Vielleicht beansprucht das bereits meine ganze Energie, sodass im Privatleben fürs Telefonieren einfach keine Energie mehr übrig ist.

Ich weiß nur, dass ich am liebsten hunderte E-Mails oder WhatsApp Nachrichten hin und her schicken würde, statt ein Telefonat zu führen.


Wie ist das bei euch? Kennt ihr diese Angst; dieses Unbehagen auch? Oder macht es euch rein gar nichts aus, zu Telefonieren, egal ob Privat- oder Berufsalltag?

PIN IT ON PINTEREST

Loading Likes...