Die Buchcommunity – worüber “darf” ich schreiben?

In letzter Zeit ist mir, insbesondere auf Instagram, immer wieder aufgefallen, dass Mitglieder dieser Community in “Streit” darüber geraten, was man posten darf und was nicht.

Manche sind offenbar der Meinung, dass alles was über das Thema Bücher hinaus geht, auf einem Buchblog bzw. auf einem Bookstagram Account nichts zu suchen hat.

Warum?

Ich liebe diese Community, das tue ich wirklich. Ich bin unglaublich gerne Teil davon, liebe es, mich mit Gleichgesinnten auszutauschen und Diskussionen mit Menschen führen zu können, die dieselbe Leidenschaft teilen, wie ich. Natürlich liegt unser aller Fokus auf dem Thema Buch, doch bedeutet dies gleichzeitig auch, dass wir über sonstige Themen nicht schreiben/sprechen dürfen?

Ich engagiere mich sehr stark für Tierschutz und schreibe darüber.

Ich positioniere mich immer öffentlich gegen Rechts und jede andere Form von Menschenhass, sei es nun Homophobie, Antisemitismus, Rassismus, etc. pp. und schreibe darüber.

Ich bin Feministin und schreibe darüber.

Ich versuche meinen Verbrauch von Plastik zu verringern, unterstütze diesbezüglich finanziell auch verschiedene Organisationen und schreibe darüber.

Ich versuche über sensibilisiertes Lesen zu informieren und schreibe darüber.

Ich unterstütze Diversity in Büchern und schreibe darüber.

Einige jedoch sind der Meinung, dass ein Bookstagram Account bzw. ein Buchblog nicht politisch sein sollte und all diese Themen somit auch nicht in diese Community gehören.

Stimmt das?

Nein!

Worte sind eine unglaublich mächtige Waffe. Bücher dienen nicht nur zur Unterhaltung. Sie lehren, bereichern, inspirieren. Wenn wir nicht unsere Stimme; unsere Worte nutzen, was dann, um auf unsere aktuelle verheerende politische Lage aufmerksam zu machen?

Wir leben in einer Demokratie. Jeder von uns ist politisch, egal ob Bookstagramer/Buchblogger oder nicht. Wer sich mit Politik nicht befasst, sie schlichtweg ignoriert, stärkt damit die Seite, die stets gegen uns arbeitet; eine Seite, die in den letzten Monaten und Jahren wieder an viel zu viel Kraft gewonnen hat. Um wirklich etwas zu verändern und zu bewegen, ist es wichtig, dass sich jeder von uns einsetzt, egal in welcher Form. Unsere Freiheit ist nichts Selbstverständliches, sie ist ein Luxusgut, dass uns schon einmal genommen wurde und uns jederzeit wieder genommen werden kann. Je mehr wir für den Erhalt unserer Freiheit kämpfen, desto besser. Wir müssen alle kämpfen; wir müssen alle laut sein. Gemeinsam.

Unpolitisch zu sein ist ein Privileg, dass nicht jeder hat.

Ich zum Beispiel bin weiß, blond und blauäugig. “Hitler hätte dich geliebt“, habe ich damals im Geschichtsunterricht mehr als einmal zu hören bekommen. “Dich betrifft das doch ohnehin nicht, wieso kümmerst du dich überhaupt?” hat man mir in letzter Zeit viel zu häufig gesagt.

Wieso es mich kümmert? Weil es mich, auch wenn es mich nicht direkt betrifft, trotz allem etwas angeht. Es geht uns alle etwas an, egal wie wir aussehen, wo wir herkommen oder an was/wen wir glauben. Nur weil uns diese Privilegien vergönnt sind, die andere nicht haben, heißt dies nicht, dass wir nicht laut sein dürfen. Ganz im Gegenteil. Wir müssen sogar.

Ich finde es sehr traurig und auch erschreckend, dass es offenbar so viele (junge) Leute gibt, die sich vor alledem verschließen; die diese Themen zu Tabuthemen machen, sie totschweigen und sich letztendlich sogar aufregen und beschweren, wenn es mal jemanden gibt, der den Mund auf macht.

Schwindende Followerzahlen? Na und?

Weniger Likes? Wen interessiert es?

All dies ist nichts im Vergleich zu dem, was Menschen anderer Herkunft wie der unseren durchmachen müssen; worunter Menschen leiden müssen, die das gleiche Geschlecht lieben, sich im eigenen Körper nicht wohl fühlen oder oder oder.

Ja, das hier ist eine Buchcommunity und ja, unser Fokus liegt auf Büchern, doch gerade das ermöglicht es uns doch, laut zu sein. Bücher sind so unglaublich mächtig und wertvoll; sie können so viel bewirken. Wieso nutzen wir diese Macht nicht, die wir tagtäglich in unseren Händen halten, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen?

Spätestens nach den Vorfällen auf der Buchmesse 2017, sollte selbst denjenigen klar geworden sein, die so sehr darauf bestehen, dass ein Buchblog/Bookstagramaccount sich auch eben nur mit Büchern befassen sollte, dass uns dieses Thema alle betrifft. Selbst in unserer Bloggerblase, in unserer Bookbubble, ist dieses Thema längst angekommen.

Wenn ich auf der Straße jemanden sehe, der einen anderen verprügelt, gehe ich ja schließlich auch nicht einfach dran vorbei und ignoriere es, oder? Das Ignorieren von rassistischem oder ähnlichem Verhalten stellt nichts anderes dar; führt es meist sogar zu etwas Schlimmeren als zu ein paar blauen Flecken.

Es ist okay, sich als Bookstagramaccount und Buchblog öffentlich politisch zu positionieren und die eigene Stimme zu erheben, um diejenigen zu unterstützen, deren Stimmen viel zu lange unterdrückt wurden und immer noch werden.

Natürlich möchte ich damit nicht sagen, dass diejenigen, die sich nicht öffentlich politisch positionieren schlecht sind. Man kann niemanden zwingen etwas zu tun, was er nicht tun möchte. Es bedeutet auch nicht, dass ich diese Menschen automatisch nicht mag. Ich bin einfach nur der Meinung, dass man hin und wieder (es muss ja auch nicht täglich sein) seine Reichweite auch mal für etwas anderes nutzen kann, als dafür, Bücher oder Ähnliches zu bewerben.

Und wer sich am Ende doch daran stört, hat immer noch die Möglichkeit, die entsprechenden Accounts/Blogs zu entfolgen. Niemand ist verpflichtet, einem bestimmten Blog/Account zu folgen.  Bitte tut nur eins nicht, bitte betreibt kein Tone Policing; egal wie sehr es euch stört, tut es nicht. Grundsätzlich lebe ich auch nach dem Motto “Der Ton macht die Musik“, in diesem Fall allerdings, gerade wenn Betroffene versuchen, eine Message zu vermitteln, ist es okay, wenn diese besagte Message mal etwas wütender ausfällt. Damit meine ich natürlich keine Beleidigungen oder Drohungen. In den seltensten Fällen können wir nachvollziehen, was diese Person tatsächlich durch gemacht hat und wie sie sich fühlt. Wie die Geschichte uns lehrt muss man manchmal eben einfach laut sein und forsch, um etwas bewirken zu wollen. Und wenn Betroffene auf einen Umstand aufmerksam machen, greifen sie damit Niemanden persönlich an. Und falls ihr euch doch persönlich angegriffen fühlt, sucht das Gespräch mit der Person, versucht es auf privater Ebene zu klären, startet aber bitte nicht öffentlich eine Hetzjagd.

Wenn jeder einzelne von uns nur ein kleines bisschen lauter wäre, ganz gleich welche Thematik es betrifft, wäre die Welt in der wir leben, sicherlich ein gutes Stück besser.

Ich werde immer laut sein. Ich werde immer den Mund auf machen. Ich werde mich immer klar positionieren, auch wenn dies bedeutet, dass ich gegen den Strom schwimmen muss.

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