Rezension: Daisy Jones & The Six – TAYLOR JENKINS REID

Inhalt/Klappentext:

Daisy Jones, jung, schön, von ihren Eltern vernachlässigt, hat eine klare Stimme und einen starken Willen: Sie möchte mit ihren eigenen Songs auf der Bühne stehen. Als sie zum ersten Mal gemeinsam mit THE SIX auftritt, ist das Publikum elektrisiert von ihr und Billy, dem Leadsänger der Band. Die beiden zusammen sind nicht nur auf der Bühne explosiv und führen die Band zu ihrem größten Erfolg, auch Backstage sprühen die Funken … 


Bei diesem Buch handelt es sich nicht um ein kostenfreies Rezensionsexemplar. Das Buch wurde von mir selbst gekauft.


CW: Drogenmissbrauch, Sucht, Abtreibung

Daisy Jones & the Six ist ein absolutes Meisterwerk. Es ist berauschend. Es ist ein Buch, das man so schnell nicht vergisst; eine Geschichte, die von Emotionen lebt. Schon nach den ersten Seiten wusste ich, dass mich etwas sehr Besonderes, etwas unglaublich Großes erwarten würde. Nach der Hälfte des Buches war dann klar, dass ich in Daisy Jones & the Six ein neues Lieblingsbuch gefunden hatte und als ich die letzten Seiten las, mich durch die Songtexte am Ende des Buches blätterte war klar: dieses Buch ist nicht nur eine emotionale Achterbahnfahrt, sondern eines der für mich besten Bücher, die ich jemals in meinem Leben gelesen habe.

Die Geschichte spielt Mitte der 60er bis Ende der 70er Jahre und entführt den Leser in das ikonische Zeitalter des Rock ‘n‘ Roll. Die Autorin hat es geschafft, eine solch authentische Geschichte zu schreiben, sodass ich nach den ersten paar Seiten zunächst einmal googeln musste, ob es diese Band tatsächlich gab; ob es sich um eine wahre Geschichte, oder doch bloß eine fiktive Erzählung handelt. Die Art und Weise, wie die Autorin diese Geschichte erzählt, ist einfach so verdammt echt, dass ich fest davon überzeugt war, dass es diese Band gegeben haben musste; dass es diese wunderbaren Songs gegeben haben musste. Und obwohl ich zwischenzeitlich weiß, dass die Geschichte fiktiv ist, so weigere ich mich dennoch zu glauben, dass sie nicht real ist, so real wird sie von der Autorin erzählt. Daisy Jones & the Six ist wahnsinnig facettenreich und irgendwie ganz anders, als die meisten anderen Bücher, was vermutlich auch an der besonderen Erzählweise liegt. Die Geschichte wird nämlich im Stile eines Interviews erzählt. Es handelt sich hierbei nicht um einen zusammenhängenden Roman, sondern vielmehr um ein ca. 355 Seiten langes Interview, dass der Interviewer mit den einzelnen Mitgliedern der Band und den ihr nahestehenden Personen führt, woraus sich letztendlich dann die unglaubliche und spektakuläre Geschichte der großartigen Daisy Jones, der Band Daisy Jones & the Six, ihrem überraschenden Aufstieg und dem abrupten Ende ergibt.

Ich kann mir vorstellen, dass dieses Interview-Format nicht jedem gefällt, dass es einigen Lesern dadurch vielleicht ein wenig schwerer fällt, Zugang zu den Charakteren zu finden. Falls dem so sein sollte, kann ich das Hörbuch empfehlen. Die Geschichte selbst von den Charakteren erzählt zu bekommen ist noch mal ein ganz anderes Gefühl, als die Erzählungen einfach nur zu lesen. Ich persönlich mochte das Interview Format sehr, finde sogar, das alles andere nicht sonderlich zu diesem Buch gepasst hätte, doch das Hörbuch ist natürlich noch einmal eine ganz andere Erfahrung und wenn ihr mit dem Printbuch nicht viel anfangen konntet, aber dennoch neugierig auf die Geschichte seid und dieser noch eine zweite Chance geben möchtet, versucht es mit dem Hörbuch.

Zu Beginn des Buches erwähnt die Autorin, dass man auf der Suche nach der Wahrheit dieser Geschichte, eigentlich keinem der Charaktere so wirklich vertrauen kann. Das Buch erzählt die Geschichte rückblickend. Dieses Interview wird in der Zukunft geführt, d. h. die verschiedenen Bandmitglieder werden zu Ereignissen, Gefühlen und Situationen befragt, die weit mehr als dreißig Jahre in der Vergangenheit liegen. Und gerade aufgrund dieses Interview-Formats wird dann eben umso deutlicher, wie unterschiedlich die Bandmitglieder manche Situationen aufgefasst haben; dass die Erinnerungen teilweise eben nicht mehr hundertprozentig miteinander konform gehen. Unweigerlich fragt man sich dabei natürlich, liegt das nun an dem Interviewer, oder vielleicht doch daran, dass Erinnerungen mit der Zeit verschwimmen? Wer der Interviewer ist, erfährt man erst ganz am Ende und genau das ist es, was Vieles dann noch mal in ein völlig anderes Licht rückt. Und das ist eben auch ein Grund, weshalb ich finde, dass es teilweise eben auch dieser besonderen Erzählform zu verdanken ist, dass das Buch so großartig geworden ist, wie es nun einmal ist.

Das Buch steckt voll von zeitlosen Dialogen, filmreifen Skandalen, herzzerreißenden Verlusten, unerfüllten Träumen, hollywoodreifen Drogenexzessen und vielem mehr. In diesem Buch passt einfach alles, die Atmosphäre, die Komposition, die Erzählweise, vor allem aber auch die einzelnen Charaktere, die den Leser trotz der besonderen Erzählweise von Anfang bis Ende durchweg verzaubern und diese einzigartige Fähigkeit besitzen, sie trotz ihrer Ecken und Kanten, trotz ihrer Fehler, ins Herz zu schließen und sie nie wieder los lassen zu wollen.

Was in diesem Buch ganz groß geschrieben wird, mit capital letters und in Fettdruck? FEMINISMUS. Sämtliche Frauen in diesem Buch sind so stark und unglaublich dynamisch. Die Frauen unterstützen sich gegenseitig, selbst in der Liebe, kämpfen dort für Anerkennung, wo sie ihnen gebührt, lassen sich nichts gefallen, leben ihr Leben so, wie sie es möchten, treffen ihre eigenen Entscheidungen und stehen dazu. Die Beziehungen zwischen den Frauen, egal ob nun zwischen Karen und Daisy, Karen und Camila oder sogar Camila und Daisy, sind gesund, einzigartig, liebevoll, ehrlich und authentisch und einfach so so so wundervoll. 

„I run hot and I always have. I am not going to sit around sweating my ass off just so men can feel more comfortable. It’s not my responsibility to not turn them on. It’s their responsibility to not be an asshole.“

Daisy Jones

Auch das Thema Drogenmissbrauch und vor allen Dingen Sucht spielt in diesem Buch eine sehr wichtige Rolle. Als jemand, der in seinem ganzen Leben noch nie an einer Zigarette gezogen hat und kaum bis gar kein Alkohol trinkt, habe ich wenig Erfahrung mit Rausch- und Suchtmitteln, bin dem Ganzen gegenüber ehrlich gesagt auch sehr negativ eingestellt, weshalb ich anfangs wirklich glaubte, ein Problem mit den ständigen Drogenexzessen der einzelnen Charakteren zu haben, einfach, weil ich es weder gutheiße, noch mich wirklich in diese Situation hineinversetzen kann. Ich war daher mehr als erstaunt darüber, wie sensibel mit dem Krankheitsbild Sucht in diesem Buch umgegangen wird. Die Autorin hat es geschafft, die verheerende Kraft dieser Krankheit einzufangen und wiederzugeben. Ohne den Konsum von Drogen selbst zu verherrlichen, spielt die Geschichte sehr stark auf eben diese Verherrlichung von Drogen der 60er und 70er Jahre an und bringt ein wenig Licht ins Dunkel. Das Thema wird nicht totgeschwiegen, vielmehr wird darüber aufgeklärt und gar ein Gefühl von Hoffnung vermittelt; Hoffnung für Betroffene darauf, diesem gefährlichen Strudel zu entkommen und wieder gesund zu werden. Die Geschichte zeigt, dass Stärke und Schwäche manchmal Hand in Hand gehen, dass es nicht immer nur rosa oder schwarze Wolken sind, sondern manchmal auch etwas dazwischen.

Die Charaktere haben es mir ganz besonders angetan, dabei sind sie nicht einmal sonderlich liebenswürdig, zumindest nicht immer. Es gab einige Momente, in denen ich weder Daisy, noch Billy, die beiden Protagonisten dieser Geschichte, sonderlich mochte, doch genau das ist es, was die Figuren so echt macht. Ich glaube genau das ist auch der Grund, weshalb man sich als Leser so sehr zu ihnen hingezogen fühlt, einfach, weil sie alles andere als perfekt sind, ihre Päckchen zu tragen haben und davon ziemlich viele und ziemlich große und einfach nur versuchen, im Leben klarzukommen. So wie jeder andere von uns auch.

Mit den Charakteren hat die Autorin natürlich auch jede Menge komplexe und spannende Beziehungen geschaffen, nicht nur auf romantischer, sondern auch auf freundschaftlicher Ebene. In Verbindung mit diesen Beziehungen macht die Autorin auch mehr als deutlich, dass nicht jeder die gleiche Vorstellung von einem erfüllten, glücklichen Leben hat und dass das eben völlig in Ordnung so ist. Es werden mehrere unterschiedliche Themen angesprochen, z. B. dass nicht jede Beziehung funktioniert, dass man sich trotz Liebe manchmal einfach nicht guttut oder das nicht jeder den Wunsch nach einem Haus mit Garten, Hochzeit und Kindern verspürt und das damit einhergehend eben auch Beziehungen in die Brüche gehen.

Und zuguterletzt darf natürlich auch die Musik nicht unerwähnt bleiben. Ebenso wie dieses Buch von seinen Charakteren und deren Emotionen lebt, so lebt die Geschichte auch von dieser großartigen Musik. Es ist wahnsinnig beeindruckend, wie viele großartige Songs die Autorin selbst geschrieben hat, fesselnd, emotional, herzzerreißend, zerstörerisch und einfach wahnsinnig perfekt. Und es ist einfach so verdammt verrückt, dass es diese Songs nicht gibt; dass sie nie existiert haben; dass es keine Melodie dazu gibt, weil es sich nämlich genauso anfühlt: als hätte man sie schon mal im Radio gehört. Das macht es noch einmal ein bisschen schwerer zu glauben, dass dies tatsächlich keine echte Band ist. Während des Lesens habe ich mir die ganze Zeit gewünscht, mir die Songs anhören zu können. Umso mehr freue ich mich nun natürlich über die bereits angekündigte Miniserie, in der wir hoffentlich jede Menge dieser von der Autorin geschriebenen Originalsongs zu hören bekommen werden.

“That was the beginning of a bad time. Where I was not myself. Actually, no. I don’t like putting it that way – you’re never not yourself. You’re always you. It’s just, sometimes, who you are… who you are is a shitty person.”

Billy Dunne

Mit tränenüberflutetem Gesicht hat mich dann das Ende zurückgelassen. Das Ende hat mich umgehauen, obwohl es gar nicht so spektakulär ist, wie man es vielleicht erwartet, oder sich gar gewünscht hätte und doch war es das Ende, das einfach am besten gepasst hat. Es war einfach so verdammt dramatisch, emotional und vollgepackt mit jede Menge Hoffnung. Vielleicht lag es auch an der emotionsgeladenen Geschichte, die diesem Ende vorausgegangen ist, dass ich die Tränen einfach nicht mehr zurückhalten und eine Flut an Emotionen und Gefühlen aus mir herausgebrochen ist, als ich schließlich die letzte Seite gelesen hatte. Vielleicht ist das Ende aber auch einfach perfekt und vielleicht war es diese Perfektion, die mich einfach völlig unerwartet getroffen und vom Hocker gehauen hat.

Dieses Buch hat mich bis in die tiefsten Tiefen meines Inneren berührt, es hat mir Gänsehaut verursacht, hat mich zum Lachen, aber auch zum Weinen gebracht, es hat mich erschüttert und mich in die tiefsten menschlichen Abgründe gestürzt, nur um mich kurz darauf wieder rauszuziehen. Um ehrlich zu sein kann ich gar nicht so genau in Worte fassen, wieso dieses Buch das gemacht hat, was es mit mir gemacht hat, aber irgendetwas hat es mit mir gemacht und ich bin so unglaublich dankbar in den Genuss dieser unfassbar großartigen Geschichte gekommen sein zu dürfen. Ich hatte irgendwie völlig vergessen, wie es ist, wenn man so tief in einer Geschichte drin steckt, wenn man nicht mehr davon los kommt; wenn sie einen Tag und Nacht begleitet. Aber es fühlt sich verdammt gut an und ich will mehr davon.

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INFOS ZUM BUCH

Obwohl ich das Buch auf Englisch gelesen habe, findet ihr nachfolgend Daten und Details der deutschen Ausgabe, erschienen im Ullstein Verlag.

Autor*in: Taylor Jenkins Reid
Übersetzer*in: Conny Lösch
Titel: Daisy Jones & the Six
Verlag: Ullstein
Seiten: 368
Erscheinungsdatum: 02. Juni 2020
Preis: 19,99 [D] | 20,60 [A]Buch beim Verlag: KLICK


KATEGORIE

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