Rezension: Ein kleines Wunder würde reichen – Penny Joelson

»Ich kann mich nicht bewegen, und ich kann nicht sprechen. So ist es schon mein Leben lang. Manche Leute reden über mich, als sei ich gar nicht da. Das hasse ich. Andere weihen mich in ihre Geheimnisse ein…« Jemma kennt ein schreckliches Geheimnis: In ihrer Nachbarschaft ist ein Mord passiert, und sie weiß, wer es getan hat. Denn die Leute erzählen ihr Dinge, weil Jemma nichts weitersagen kann. Sie ist vollständig gelähmt und kann sich weder bewegen noch sprechen. Aber Jemma entgeht nichts. Als sie mit dem furchtbaren Geheimnis konfrontiert wird, ist sie völlig hilflos. Jemma weiß, dass ihr nur ein kleines Wunder helfen kann. Und sie ist fest entschlossen, alles für dieses Wunder zu tun.
Quelle: www.fischerverlage.de

 


Vielen Dank an den Fischer Tor Verlag, der mir das Buch kostenlos als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat im Austausch gegen meine ehrliche Meinung. Auch hier bleibt meine Meinung unverfälscht. Nähere Informationen hierzu findet ihr HIER.


Im Rahmen der Ausarbeitung einer Bloggeraktion bin ich auf dieses Buch aufmerksam geworden und war mir gleich von Anfang an sicher, dass es sich hierbei um ein ganz besonderes Schmuckstück handeln muss. Alleine der Klappentext verspricht so viel. In der Hoffnung, dass der Inhalt des Buches all diese Versprechen auch halten kann, habe ich bereits nach den ersten paar Seiten festgestellt, dass ich hier eine emotionale Bombe in meinen Händen halte; ein so gewaltiges und kraftvolles Buch, wie man es leider nur sehr selten findet.

Denn Jemma, unsere Protagonistin, hat eine Zerebralparese und ist Quadriplegikerin. Sie kann sich weder kontrolliert bewegen, noch sprechen. Das Buch, wie man vielleicht nun schon erahnen kann, gestaltet sich mithin ganz anders, als die meisten Bücher. Die Geschichte wird erzählt aus der Ich-Perspektive, doch da Jemma nicht sprechen kann, erleben wir diese Geschichte rein durch ihre Gedanken und durch die Dialoge, die Menschen in ihrem Umfeld führen. Denn obwohl die meisten glauben, auch Jemmas Hirnfunktion wäre durch ihre Krankheiten beschädigt, ist dies gerade nicht der Fall. Sie ist ein reifes, junges, neugieriges Mädchen, das gefangen ist in ihrem eigenen Körper, ein Mädchen, dass sich so gerne ausdrücken würde, es aber einfach nicht kann, weder durch Bewegungen, noch durch Worte.

Und genau deswegen bringt dies einige Menschen dazu, ihr Geheimnisse anzuvertrauen und ihr Dinge zu erzählen, die sie sonst niemandem anvertrauen, vielleicht sogar nichtsahnend, da die meisten glauben, Jemma würde ohnehin nichts verstehen oder wirklich wahrnehmen. Sie erzählen ihr all diese Dinge, weil sie wissen, dass sie sie niemals ausplaudern wird.

Doch was würde passieren, wenn sich auf einmal doch eine Möglichkeit für Jemma auftut, zu kommunizieren? Was, wenn eben genau dadurch nun doch die Möglichkeit besteht, dass die dunkelsten Geheimnisse fremder Menschen ans Licht kommen?

Und genau das passiert. Jemma hat ein Geheimnis, nicht weil sie es hüten möchte, sondern weil sie muss, weil sie einfach nicht die Möglichkeit hat, sich mitzuteilen und das treibt sie förmlich in den Wahnsinn. Denn bei diesem Geheimnis geht es nicht um eine Liebesaffaire oder ein sonstiges Teenagedrama. Es geht um einen Mord und eine Entführung und während die Polizei nach Hinweisen und Beweisen sucht, trägt Jemma das Wissen die ganze Zeit über in sich – ohne es jemandem mitteilen zu können.

POSITIV

Ich finde es unglaublich beeindruckend, an welche Thematik sich die Autorin mit dieser Geschichte herangetraut hat und mit welcher Sensibilität sie das Ganze angegangen ist. Sie hat ein unglaubliches Fingerspitzengefühl bewiesen, nicht nur mit der Wahl ihrer Worte, sondern auch bezüglich des Zusammenspiels der einzelnen Charaktere.

Und obwohl wir die Geschichte nur in Jemmas Gedanken erleben, hat die Autorin es geschafft, mit einem unglaublich ruhigen Erzählstil und kurzen, prägnanten Sätzen das Geschehen so intensiv zu beschreiben, dass man das Gefühl hatte, selbst Teil von Jemmas Leben zu sein. Penny Joelson beschreibt Sorgen und Ängste, Momentaufnahmen, Erinnerungen und Empfindungen aber eben auch Dinge, die Jemma nicht nur Freude bereiten, sondern sie begeistern und sie – auch wenn es nur für den Bruchteil einer Sekunde ist – ebenso fühlen lassen, wie ein 14-jähriges Teenagermädchen sich von Zeit zu Zeit fühlt, ohne die ganze Zeit mit den Gedanken bei der eigenen Krankheit  zu sein.

Dieses Buch hat mehr als nur einmal ein überaus beklemmendes Gefühl in mir ausgelöst. Die Vorstellung, im eigenen Körper förmlich gefangen zu sein, alles zu verstehen und zu begreifen, aber in keiner Weise darauf reagieren oder sich irgendwie verständigen zu können muss der absolute Horror sein. Das Buch hat mich nicht nur aufgrund des herzzerreißenden Themas zu Tränen gerührt, sondern auch aufgrund der Vorstellung, wie Jemma oder allgemein Menschen, die mit einer solchen Krankheit, die dazu auch noch so ausgeprägt ist, zu kämpfen haben, sich fühlen müssen. Natürlich gibt es Hilfsmittel, doch in diesem Buch wird deutlich, dass es eben nicht allen Menschen möglich ist, diese zu nutzen. Selbst die einfachsten Dinge wie Hunger, Kopfschmerzen, der Toilettengang oder sonstige Dinge kann man nicht mitteilen. Man sitzt einfach da, bewegungslos und ohne Sprache und hofft, dass jemandem auffällt, dass man Kopfschmerzen hat oder das man das Gefühl hat, sich übergeben zu müssen bzw. dass man z. B. Ketchup verabscheut und dafür lieber Mayonnaise mag. Für uns ist es ganz selbstverständlich auszusprechen, was uns bewegt, was wir möchten oder was wir nicht möchten, doch was passiert, wenn man einfach nicht mehr dazu in der Lage ist?

Ich weiß, Mitleid ist nichts, was man gerne bekommt, doch ich muss gestehen, ich hatte Mitleid. Ich hatte Mitleid mit Jemma und ihrer Familie und war gleichzeitig absolut beeindruckt, wie sie dennoch den Alltag jedes Mal aufs Neue meisterten. Man könnte ja auch fast meinen, dass Jemma im Selbstmitleid zerfließt oder Jemmas Pflegeeltern dem Druck irgendwann nicht mehr standhalten und aufgeben. Doch dem war nicht so. Jemma blickte nie zurück, sondern immer nur nach vorne und auch ihre Pflegeeltern, zwei wirklich wunderbare Menschen, kämpften weiter und zwar Tag für Tag für Tag.

Besonders beeindruckt jedoch hat mich die Tatsache, dass dieses Buch trotz dieser schweren Thematik einfach so unglaublich viel Hoffnung ausgestrahlt hat. Jemma ist so ein hoffnungsfroher Mensch, der das Leben so nimmt, wie es kommt und sich über die kleinsten Dinge und Fortschritte freut, Fortschritte, die wir wohl kaum wahrnehmen würden, doch für sie die Welt bedeuten. Und genau das hat mein Herz förmlich zerspringen lassen vor Glück. Jemma musste in ihren jungen Jahren bereits so viel durchmachen und wird niemals in der Lage sein ein Leben zu führen, wie es die anderen Jugendlichen in ihrem Alter tun und doch steckt sie voll Energie und Tatendrang und Hoffnung und Glück und Freude – selbst jetzt während ich diese Zeilen schreibe, kullern mir erneut Tränen über die Wangen.

Und obwohl ich das Buch nicht unbedingt in die Kategorie Krimi einordnen würde, was man eventuell vermuten könnte aufgrund des Klappentextes, war das Buch nicht nur unglaublich emotional und herzzerreißend, sondern auch unfassbar spannend. Ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen, musste die ganze Zeit weiterlesen, weil ich unbedingt herausfinden wollte, was es nun mit der ganzen Geschichte auf sich hat. Doch nicht nur das hielt den Spannungsbogen ziemlich weit oben, sondern auch die Frage, ob Jemma es vielleicht wirklich bald schaffen würde, zu kommunizieren.

Das Buch hatte auf der einen Seite eine unglaublich zerstörende Wirkung auf mich, auf der anderen Seite jedoch war sie so hoffnungsfroh, dass ich nicht wusste, ob ich nun vor Traurigkeit oder vor Freude weinen sollte. Die Gefühle in meinem Herzen haben sich widersprochen, keines von ihnen wusste so genau, welches nun die Oberhand übernehmen sollte. Mein Herz spielte vollkommen verrückt und irgendwann schloss sich auch mein Kopf an und die Tränen schossen nur so aus mir heraus; ich schaffte es kaum, meine Emotionen unter Kontrolle zu bekommen.

Das, was mich jedoch immer wieder rausgezogen hat aus diesem schwarzen Loch, in dem man hin und wieder mal während des Lesens versinkt, war das familiäre Umfeld, in dem Jemma aufwächst. Sie wohnt bei Pflegeeltern, zusammen mit dem autistischen Finn und der schwer zu vermittelnden Olivia. Ich denke hier zu sagen, dass in der Familie ab und zu mal ziemlich was los ist, erübrigt sich mit diesen Ausführungen bereits. Und dennoch ist Jemma umgeben von so viel Liebe, das sie mit den Händen fast greifbar war.

NEGATIV

In meinen Augen ist an diesem Buch nichts negativ zu finden. Der ein oder andere mag es aufgrund des sehr ruhigen Erzählstils vielleicht als ein wenig langweilig betrachten, doch wenn man das Buch mal genauer in seiner Gesamtheit betrachtet, ist es fast unmöglich, es nicht zu lieben.

LOHNT SICH DAS BUCH?

Absolut. Ich möchte euch allen dieses Buch ans Herz legen. Es ist nicht nur herzzerreißend traurig und gleichzeitig wunderschön und voller Hoffnung, es bereichert auch. Jemmas Stimme hallt noch eine ganze Weile wie ein Echo nach und es fällt einem unglaublich schwer, sich von ihr und dieser Geschichte loszureißen. Es ist ein wahnsinnig emotionales Buch, es ist eine wahrhaftige Achterbahnfahrt, die einen so durch den Wind zurück lässt, dass man gar nicht mehr weiß, wo vorne und hinten ist. Mich hat dieses Buch absolut beeindruckt, mich zu Tränen gerührt und mich zum Lächeln gebracht. Außerdem ist es – neben all diesen wunderbaren Dingen – absolut spannend, besonders was den Mord und die Entführung betrifft.

Ich bewundere die Autorin so sehr dafür, dass sie Menschen eine Stimme gibt, die normalerweise in der Menge untergehen. Sie schenkt mit diesem Buch nicht nur Hoffnung, sie gibt auch Menschen die Möglichkeit, die ebenfalls unter diesen Krankheiten leiden, sich mit diesen Figuren zu identifizieren.

Ich bin mir sicher, dass dieses Buch nicht nur hilft zu verstehen, sondern einige Menschen im Umgang mit diesen Krankheiten vielleicht sogar sensibilisiert. Es ist schwierig; es ist unglaublich schwierig und ich kann euch nicht sagen, was ich tun würde, wenn ich tatsächlich einer Person mit einer solchen Krankheit gegenüber sitzen würde. Wahrscheinlich würde ich mich dennoch die ganze Zeit fragen, ob ich alles richtig mache, doch dieser Einblick in eine Welt, die mir so vollkommen neu und unbekannt war, hat unglaublich gut getan und mich nicht nur zum Nachdenken angeregt, sondern mich auch dazu gebracht, mehr über die Krankheit zu recherchieren. Von mir bekommt dieses Buch eine absolute Leseempfehlung.

INFOS ZUM BUCH

Autor: Penny Joelson
Titel: Ein kleines Wunder würde reichen
Originaltitel: I have no secrets
Verlag: Fischer Tor Verlag
Erscheinungsdatum: 23. Mai 2018
Seiten: 320
Preis: 16,9 [D] | 17,50 [A]
Buch beim Verlag: KLICK

 

 

 

 

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