Rezension: Endland – Martin Schäuble

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Inhalt/Klappentext:

Der junge Soldat Anton bewacht die Grenzmauer, die Deutschland umschließt. Er ist begeistert von der Nationalen Alternative, der neuen Regierungspartei, und vom Selbstbewusstsein seines Landes. Seinem besten Freund Noah dagegen ist diese Politik verhasst. Er ist weder für Atomkraft und die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe, noch findet er es richtig, dass Flüchtlingen kein Schutz geboten wird. Menschen wie Fana, die nach ihrer Flucht aus Äthiopien im letzten Flüchtlingslager Deutschlands auf Anton trifft und sich mit ihm anfreundet. Als Anton einen tödlichen Anschlag ausführen soll, ist er gezwungen, sich zu entscheiden: für eine nationale Ideologie oder für seine Freunde – und ein freies Leben. (Quelle)


Vielen Dank an Hanser Literaturverlage, der mir das Buch kostenlos als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat im Austausch gegen meine ehrliche Meinung. Auch hier bleibt meine Meinung unverfälscht. Nähere Informationen hierzu findet ihr HIER. Diese Rezension enthält SPOILER.


Versetzen wir uns doch gedanklich einfach mal kurz zurück in die Zeit von 1933 bis 1945 und stellen uns vor, dieser Teil unserer Geschichte wäre nicht länger nur Vergangenheit, sondern würde langsam wieder zur Gegenwart werden. In einer Zeit der „Alternative für Deutschland“, „Flüchtlingspolitik“ und „Fremdenhass“ ist der Gedanke, dass uns die Geschichte eines Tages wieder einholt, gar nicht mehr so weit weg. 

Stellen wir uns vor, um Deutschland wäre eine Mauer, der Euro wäre wieder gegen die Deutsche Mark zurück getauscht worden, die Wehrpflicht wieder eingeführt und die Schulpflicht abgeschafft. Klingt ganz nach der NS-Zeit, findet ihr nicht? Falsch gedacht. Wir befinden uns nicht in der Zeit zwischen 1933 bis 1945, sondern nur ein paar Jahre weit in der Zukunft. In seinem dystopischen Roman Endland zeigt Martin Schäuble auf, wie es in ein paar Jahren bei uns aussehen könnte …

In Endland geht es um den Soldaten Anton, der gemeinsam mit seinem besten Freund Noah und weiteren Kadetten die deutsche Grenze vor Flüchtlingen, hier sogenannten Invasoren, bewacht. Im Gegensatz zu seinem Freund Noah, der gegen die aktuell regierende Partei, die Nationale Alternative, ist, steht Anton voll und ganz hinter der deutschen Regierung. Neben unseren beiden Protagonisten Anton und Noah, gibt es auch noch Fana, eine junge Frau aus Äthiopien. Fana’s größter Traum ist es, Ärztin zu werden. Sie ist nicht nur sehr begabt, sondern spricht auch fließend Deutsch. Sie arbeitet in ihrer Heimat in einem deutschsprachigen Krankenhaus und trifft dort auf eine Frau, die ihr Leben verändert. 

Geschrieben aus der Ich-Perspektive, wechselt die Erzählung immer zwischen unseren drei Protagonisten Anton, Noah und Fana hin und her, wobei das Hauptaugenmerk hier auf Anton und Fana liegt, was dem Leser es möglich macht, eine intensivere Verbindung zu den dreien aufzubauen. Der Leser erhält einen uneingeschränkten Einblick, nicht nur in die Gefühlswelt, sondern auch in die Gedankenwelt der drei Protagonisten. 

Die kurzen Sätze und der unverblümte, gradlinige Schreibstil des Autors intensiviert das Ganze noch einmal und macht deutlich, dass es sich hierbei nicht um eine romantische Komödie, oder ein Fantasyabenteuer handelt. Der Autor führt uns hier teilweise die Realität vor Augen, was den Leser hin und wieder an seine emotionalen Grenzen bringt. Besonders die Geschichte, erzählt aus der Sicht von Anton, hat mir Gänsehaut am ganzen Körper verursacht. Seine Gedankengänge waren mir einfach unbegreiflich; noch unbegreiflicher ist es daher, dass es in unserer heutigen Welt; in unserer Gesellschaft, Menschen gibt, die genauso denken wie Anton, die blind einfach das nachleben, was man ihnen vorlebt; die keine Fragen stellen; nicht reflektieren, die Regierung einfach so hinnehmen und der Meinung sind, dass das, was die Regierung tut, automatisch richtig ist. Dass er dabei Menschenhass unterstützt, war ihm – zumindest hatte ich so das Gefühl – dabei offenbar gar nicht so richtig bewusst. Er wusste zwar, was sich dort abspielt, doch einen wahren Gedanken daran hat er dennoch nie verschwendet. Erst als er selbst auf einmal mitten drin steckt, scheint ihm ein Licht aufzugehen. 

So sehr das Buch auch auf die aktuelle, gesellschaftliche, politische, teilweise sehr problematische Situation abstellt, so zeigt es auch deutlich, dass Menschen sehr wohl in der Lage sind, ihren Standpunkt zu überdenken; dazuzulernen und vor allen Dingen, sich zu ändern. Nicht alle, natürlich, aber wenigstens ein paar von ihnen; gerade diejenigen, die sich einfach bloß mitreißen lassen; die nicht hinterfragen. Meist allerdings, wie auch in diesem Buch, wird ihnen dies erst klar, wenn es bereits zu spät ist. Und genau aus diesem Grund brauchen wir Menschen wie Noah; Menschen, die sich auflehnen, laut sind und den Mund auf machen; die für andere Menschen mit kämpfen, egal ob sie dabei selbst etwas riskieren. 

Das Besondere ist wohl die Beziehung zwischen Noah und Anton, denn so ungleich sie auch sind; so tiefe Gefühle hegen sie füreinander. Sie könnten wohl unähnlicher nicht sein und doch herrscht da diese unglaublich intensive und intime Verbindung zwischen ihnen; eine Beziehung, die sie aufgrund der aktuellen Situation geheim halten müssen. Selbst das macht Anton nicht einmal stutzig. Anton lebt in seiner eigenen kleinen „Schöne-Welt-Blase“, ganz gleich wie häufig Noah versucht, ihm die Augen zu öffnen. 

Bereits zu Beginn der Geschichte wird dem Leser klar, wie unglaublich gut recherchiert dieses Buch ist. Der Roman ist nicht nur gut durchdacht, sondern durchweg spannend und vor allen Dingen berührend und so intensiv, das es Magenschmerzen bereitet. 

Was hier natürlich ganz besonders auffällt ist die Ähnlichkeit der Nationalen Alternativen zur AfD. Der Autor selbst hat auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sich an der AfD orientiert hat, als er seine Geschichte zu schreiben begann. Die AfD diente als Vorbild der Nationalen Alternative. In seiner Danksagung zum Beispiel informiert er, dass er zu Recherchezwecken an sehr vielen AfD Veranstaltungen teilgenommen hat, um diese Geschichte so realitätsnah wie möglich schreiben zu können, womöglich auch aus dem Grund, so noch viel mehr Menschen, auch auf emotionaler Ebene, zu erreichen, wenn sie erst einmal vor Augen geführt bekommen, wie es vielleicht tatsächlich irgendwann wieder in Deutschland aussehen könnte, wenn die Zeiten sich nicht ändern. Im Grunde hat er in diesem Buch das Wahlprogramm der AfD niedergeschrieben, was den Wählern vor Augen führt, dass sie wohl offenbar gar keine richtige Ahnung haben, was eigentlich tatsächlich in dem Wahlprogramm der AfD geschrieben steht. 

Obwohl es schon einige Tage her ist, seit ich das Buch beendet habe, muss ich noch immer täglich daran denken. Wie ein alter Kaugummi unter einer Schuhsohle hat sich dieser Titel in meinen Gedanken festgeklebt. 

Natürlich handelt es sich hierbei nicht um die Realität; es ist ein Gedankenspiel, das der Autor bis ins schrecklichste Detail durchgespielt hat. Ein was wäre wenn eben und doch ist es teilweise so erschreckend, da es an so viele Dinge erinnert, die in unserer Gesellschaft tatsächlich noch immer schief laufen, dass es einen mit einem ganz merkwürdigen Gefühl tief in der Magengrube zurücklässt. Es macht Angst, es verursacht Gänsehaut und es regt zum Nachdenken an.

Leider hatte ich allerdings zum Ende hin das Gefühl, dass alles viel zu schnell ging. Hier hätte ich mir gut und gerne noch ein paar Seiten mehr gewünscht, um die Geschichte nicht so – für mein Gefühl – überstürzt enden zu lassen.  

LOHNT SICH DAS BUCH?

Dieses Buch ist unglaublich bereichernd und meiner Meinung nach ein absolutes Muss in unserer heutigen Zeit. Besonders für Schulen wäre dieses, doch recht kurze, Buch absolut geeignet. Es gibt zahlreiche neue Denkanstöße zur aktuellen politischen Lage. Ich hoffe sehr, dass dieses Buch dazu dient, dem ein oder anderen die Augen zu öffnen und eventuell seine bisherige Auffassung und Meinung noch einmal zu überdenken und aus einer anderen Sichtweise zu betrachten. Dieses Buch ist so mächtig und wichtig; es rüttelt wacht, vor allen Dingen inspiriert es aber auch, selbst noch einmal nachzudenken und vor allen Dingen, selbst auch etwas zu unternehmen. Es ist nicht alles Gold was glänzt und ganz gleich, was Parteien wie die AfD versprechen, recherchiert, überlegt, denkt nach, stellt Fragen und lasst euch nicht berieseln von irgendwelchen Versprechungen, die ohnehin nicht gehalten werden. Macht die Augen auf, lauft nicht blind durch die Welt und informiert euch. Tut es euch selbst, uns allen und den noch kommenden Generationen zur Liebe.


INFOS ZUM BUCH

Autor: Martin Schäuble
Titel: Endland
Verlag: Hanser Literaturverlage
Seiten: 224
Erscheinungsdatum: 24. Juli 2017
Preis: 15,00 [D] 
Buch beim Verlag:KLICK


KATEGORIE

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