Rezension: Foster Vergessen – Dianne Touchell

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Auf der einen Seite hasse ich sie, diese Bücher, die Geschichten erzählen, bei denen es so aussieht, als gäbe es kein Licht am Ende des dunklen Tunnels, kein Hoffnungsschimmer mehr. Bücher, die fast nur aus endloser Traurigkeit bestehen. Auf der anderen Seite jedoch liebe ich sie, weil sie echt sind; weil es Geschichten sind, die das wahre Leben erzählt.

Damit möchte ich nicht sagen, dass ich solche ausweglosen Situationen liebe, ganz im Gegenteil. Sie sind schrecklich herzzerreißend, verletzend und traurig; sie werfen uns in ein tiefes Loch, aus dem wir nur ganz schwer wieder heraufinden. Aber unsere Welt ist nicht nur Friede-Freude-Eierkuchen, es gibt sie, diese tragischen, herzzerreißenden Geschichten die eben nicht gut ausgehen, die uns aber stärker machen, die uns wachsen lassen und deshalb empfinde ich eben auch diese Bücher für wichtig und notwendig.

Mir persönlich war dieses Buch wirklich sehr wichtig. Als ich hörte, welches Thema es behandelte, wusste ich, ich musste es lesen. Mein Großvater war selbst sehr schlimm an Alzheimer erkrankt und die Angst vor dem Vergessen begleitet mich seither in meinem Leben. Ein ganz großes Dankeschön daher an den Carlsen bzw. Königskinder Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars.

In Foster Vergessen geht es um den sieben Jahre alten Foster, der ein unglaublich gutes Verhältnis zu seinen Eltern, insbesondere zu seinem Vater, pflegt. Er erzählt ihm Geschichten und ermuntert ihn, dies ebenfalls zu tun. Er inspiriert Foster und erweckt seine Kreativität zum Leben. Sie verbringen ihr Leben gemeinsam in einer solch familiären Harmonie, das man schon fast von einer Bilderbuchfamilie sprechen könnte. Doch dann fängt Fosters Vater plötzlich an, Dinge zu vergessen. Zuerst ist es ganz amüsant; immerhin vergisst jeder schon mal etwas, oder nicht? Doch irgendwann beginnt Foster zu realisieren, dass sein Vater all diese Dinge, die er vergisst, vielleicht nie wieder zurückbekommt.

POSITIV

Natürlich hatte ich ein emotionales Buch erwartet, dennoch war ich irgendwie nicht darauf eingestellt, dass es mich so traurig machen würde, und das obwohl sich ein ähnliches Szenario bereits in meinem eigenen Leben abgespielt hat. Dennoch hat es mich getroffen wie ein Schlag mitten ins Gesicht. Ich war überrascht, wie emotionsgeladen diese Geschichte ist, wie sehr sie einen runter zieht und wie unglaublich gut Dianne Touchell all dies, insbesondere aus der Sicht eines sieben jährigen Jungen, dargestellt hat.

Dass für mich schrecklichste an diesem Buch war wohl mitzuerleben, wie Foster bereits in seinen so jungen Jahren mit ansehen muss, wie sein Vater sich von Tag zu Tag in einen völlig anderen Menschen verwandelt; in einen Menschen, der keine Geschichten mehr erzählt, weil er vergessen hat wie es geht. Einen Menschen, der sich nicht mehr an den eigenen Hund erinnert, sich kindischer verhält als Foster mit seinen sieben Jahren und plötzlich aggressiv und bösartig wird. Denn das ist es, was die Alzheimer Krankheit mit einem macht: sie lässt einen nicht nur Erinnerungen verlieren, sondern auch Menschen und Dinge vergessen, die man liebt. Und ohne all das, ohne diese Erinnerungen an das Erlebte; an all die Lebensereignisse, die das eigene Leben einst geprägt haben, kann man unmöglich derselbe Mensch sein. Foster dabei zu erleben, wie er einfach die Hoffnung nicht aufgab, wie er diese Situation versuchte mit einer Mischung aus Unverständnis, Angst, Humor und Verärgerung, zu bewältigen, hat mir das Herz gebrochen und mir mehr als nur einmal ein paar Tränchen entlockt. Es ist grausam, in diesem Alter bereits jemanden zu verlieren, auch wenn er physisch noch anwesend ist, geistig aber so abwesend, dass er sich kaum noch an etwas erinnern, geschweige denn die wunderbaren Erinnerungen an eine einst vergangene Zeit teilen kann. Mit unter ein Grund, weshalb es Foster so schwer fällt, das Ganze zu verstehen ist die Tatsache, dass sowohl seine Mutter, als auch seine Tante ihn im Dunkeln lassen, wahrscheinlich aus Angst; wahrscheinlich glauben sie aber auch einfach bloß, er wäre noch viel zu jung, das alles zu verstehen, dabei hätten sie vielleicht einfach mal mit ihm offen und ehrlich über alles sprechen sollen. Ich bin mir sicher, seine Mutter wollte nur das Beste, doch die Art und Weise wie sich die Beziehung zwischen ihr und Foster (negativ) verändert hat, während er gleichzeitig von Tag zu Tag ein Stückchen mehr seines Vaters, sprich seiner Vergangenheit, verlor, verschlimmerte die Situation nur noch. Auch wenn die Wahrheit schmerzhaft ist, können Lügen manchmal weitaus schmerzlicher sein.

Die Autorin schafft es mit einem solchen Fingerspitzengefühl, die Geschichte aus Sicht des siebenjährigen Jungen zu schreiben, dass es schon fast Gänsehaut verursacht. Es war unglaublich interessant, Fosters Denkweise zu verstehen, seine Entwicklung mitzuerleben und vor allen Dingen ihn dabei zu begleiten, wie er immer wieder versuchte, die Dinge selbst zu verstehen. Es war ein Schrei nach Aufmerksamkeit, den er einfach nicht von seiner Mutter bekam, die einfach zu viel zu tun hatte mit der Krankheit seines Vaters.

Natürlich kann man hier auch sehr gut die Mutter verstehen, allerdings war es absolut traurig und herzzereißend, wie sie ihren kleinen Sohn in dieser schwierigen Zeit ausgeschlossen hat. Ihr war es vielleicht gar nicht bewusst, doch sie hat sein Leben so negativ beeinflusst, dass er wohl noch lange Zeit an diesem Ausschluss aus der Familie leiden wird. Die Beziehung fängt an zu bröckeln, ob sie es nun wollen oder nicht. Das Problem ist, dass die Mutter dies zugelassen hat, den Einsturz ihrer Beziehung zu ihrem Sohn sogar noch unterstützt hat, dabei hätte sie einfach bloß die ihr angebotene Hilfe zulassen müssen – auch wenn es unglaublich schwer fällt, zu akzeptieren, dass es nie wieder so sein wird, wie früher. Akzeptanz ist zwar der schwerste, allerdings auch der erste Schritt in die richtige Richtung.

Die Dinge, die man glaubt seien am besten für die Familie, sind es meist nicht. Man kann seiner Mutter hier womöglich noch nicht einmal einen richtigen Vorwurf machen, spiegeln sie eben echte Entscheidungen einer Geschichte wieder, wie sie genauso im wahren Leben auch passieren könnten. Dennoch hat die Autorin es ausgezeichnet auf den Punkt gebracht und dem Leser gezeigt, wie unbewusst sämtliche Handlungen und Verhaltensweise von Eltern sich auf die Kinder auswirken. Es ist beeindruckend, zugleich aber auch irgendwie angsteinflößend.

Wenngleich diese Geschichte wohl niemals ihr Happy End finden wird, immerhin gibt es gegen diese Krankheit noch immer kein Heilmittel, hat mir das Ende tatsächlich ein Gefühl von Hoffnung geschenkt. Nicht in der Form, als das ich glaube, es würde alles wieder zum Alten zurückkehren, sondern eher dahingehend, dass ich mir ziemlich sicher bin, dass Foster, seine Mutter und seine Tante gemeinsam mit Hilfe von unabhängigen dritten Personen die Sache vielleicht nicht meistern, aber dennoch schaffen werden. Ich bin mir sicher, dass sie einen Weg finden werden, um das Leben, wie es ihnen das Schicksal nun mal geschenkt hat, so zu leben, wie es für alle am besten ist, sowohl für sie, als auch für Fosters Vater.

NEGATIV

Im ersten Moment erschien mir der Schreibstil sehr nüchtern, was man eventuell als negativ auffassen könnte, doch schnell wurde mir bewusst, dass dieses Buch eben genau das braucht. Doch trotz dieser Nüchternheit, steckt das Buch gleichzeitig voll unglaublich viel Gefühl.

So wirklich was negatives konnte ich mithin nicht an dem Buch finden.

LOHNT SICH DAS BUCH?

Foster Vergessen ist eine wunderschöne und herzzerreißende Geschichte über eine Familie, die mit den Konsequenzen einer Alzheimer Erkrankung zu kämpfen hat. Dieses Buch ist perfekt für Leser jeden Alters, es behandelt wichtige Themen wie Krankheiten, Mobbing, Gesundheit, Zusammenhalt und Liebe. Für mich ist dieses Buch etwas wirklich ganz Besonderes und ich kann es wirklich jedem nur ans Herz leben. Denn auch wenn es mal eben nicht das besagte Licht am Ende des Tunnels gibt, bedeutet das nicht, dass sämtliche Hoffnung bereits verloren ist. Es bedeutet vielleicht nicht unbedingt ein Happy End, aber es bedeutet Lebensmut und Lebenswille und dass es irgendwie doch noch besser werden kann.

INFOS ZUM BUCH


Autor: Dianne Touchell
Titel: Foster Vergessen
Originaltitel: Forgetting Foster
Verlag: Königskinder Verlag
Seiten: 256
Erscheinungsdatum: 21. März 2018
Preis: 16,99 [D] | 17,50 [A]
Buch beim Verlag: Deutsch*

 

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4 Comments

  • Liebe Ivy,
    Foster vergessen ist tatsächlich das einzige Buch, das ich nicht angefragt hatte aus dem neuen Programm.
    Jetzt bereue ich es ein wenig 😀
    Aber vielleicht frage ich Ramona mal, ob ich es doch noch bekomme, mal schauen.
    Dein Fazit ist richtig toll. Lebensmut und Lebenswille ist auch langfristig oft schöner als ein richtiges Happy End, und vor allem glaubwürdiger & authentischer.

    Liebe Grüße,
    Nicci

    • Liebe Nicci,

      ja das finde ich auch, gerade aus diesem Grund mag ich solche Bücher zwischendurch echt mal ganz gerne … es kann eben nicht immer alles Friede-Freude-Eierkuchen sein, so ist das echte Leben immerhin auch nicht <3

      Ich drück dir die Daumen, das du das Buch noch bekommst hihi Es lohnt sich auf jeden Fall, es ist einfach richtig toll <3 =)

      Liebste Grüße
      Ivy

  • Liebe Ivy,

    Foster Vergessen habe ich bisher noch nicht auf dem SUB aber so wie du meine Liebe zu den Königskindern sicher kennst, wird es da bald landen 😀

    Mich konnte dir Autorin bereits mit ihren beiden anderen Werken bezaubern. Du hast recht, ihr Schreibstil ist irgendwie nüchtern und ein Stück weit distanziert aber diese Distanz brauchen alle ihre Geschichten, damit sie direkt ins Herz treffen. Ich bin immer überwältigt von der Traurigkeit und denke, dass es mit Foster genauso sein wird.

    Liebst,
    Jule ♥

    • Liebe Jule,

      ihre anderen Bücher kenne ich bisher noch nicht, aber sie sind nach Foster Vergessen gleich auf meine Wunschliste gewandert. Ich bin unglaublich gespannt und bin mir sicher, dass diese Bücher mich ebenso begeistern werden 🙂

      Solltest du Foster Vergessen lesen, hoffe ich, dass du es ebenso mögen wirst … 🙂

      Liebste Grüße
      Ivy

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