Rezension: Kleine Stadt der großen Träume – Frederik Backman

Frederik Backman erzählt in dem etwas mehr als 500 Seiten langen Buch eine emotionale Geschichte, die unter die Haut geht. Ein Buch, das man so schnell nicht mehr vergisst.

 

Wer glaubt noch an Björnstadt? Es liegt viel zu weit hinter den dunklen Wäldern im Norden. Doch die Menschen hier halten zusammen. Und sie teilen eine Leidenschaft, die sie wieder mit Stolz erfüllen könnte. Die den Rest der Welt an Björnstadt erinnern könnte. Vielleicht sogar Arbeitsplätze bringen, eine Zukunft. Deshalb liegen alle Träume und Hoffnungen nun auf den Schultern ein paar junger Björnstädter. Noch ahnt keiner in der Stadt, dass sich ihre Gemeinschaft über Nacht für immer verändern wird.

[Quelle: www.goodreads.com]

 

EINE ACHTERBAHNFAHRT DER GEFÜHLE

Es gibt sie, diese Bücher, die einen in einen emotionalen Schock versetzen und einen an die eigenen Grenzen treiben, Bücher, die einfach nicht mehr los lassen … Zuerst wiegt man sich in Sicherheit und dann, ganz plötzlich, explodiert sie, diese Bombe. Die winzigen Splitter bohren sich so tief in das Herz, das es schmerzt und man für eine Weile das Atmen vergisst. Sie sind da, diese Inhalte, vor denen man zurückschreckt, Tabuthemen, über die man nicht spricht, Situationen, die in einem Menschen schwer nachvollziehbare Reaktionen auslösen können. Ich habe gezittert, geweint, mein Herz überschlug sich fast während des Lesens. Ich war wütend und habe geschrien, ich war entsetzt und schockiert, ich befand mich auf einer solch gefühlsgeladenen Achterbahnfahrt, von der ich so schnell wie möglich runter wollte, die mich aber einfach nicht los ließ, sondern immer fester in den Sitz drückte. Die Gefühle peitschten mir wie eiskalter Wind ins Gesicht. Sie überrumpelten mich und überrannten mich wie ein vollgeladener Lastwagen. Ungebremst raste er auf mich zu und dann … dann lag ich da, irgendwie betäubt. Ich hatte vergessen, wie man richtig atmet, die Tränen rannen mir die Wangen hinunter und doch war da diese Wärme tief in meinem Inneren. Ich wusste, es würde alles gut werden, denn die Menschen sind stark. Sie sind außerordentlich stark.

Auch wenn es weder Klappentext noch Inhaltsangabe oder eine sonstige Warnung erahnen lässt, handelt es sich bei diesem Buch um richtig schwere Kost. Es geht um den Zusammenhalt einer ganzen Stadt, Loyalität, um Freundschaft und Familie, um Liebe, das Leben und Träume, aber auch um Mobbing, Tod, Verlust, Schmerz, Selbstmord, Vergewaltigung, Coming Out, Reue, ums Gewinnen, doch auch ebenso ums Scheitern. Es geht um Geld, Erfolg und Macht und auch um Armut.

Manchmal im Leben stolpert man über solche Bücher, über Meisterwerke; Bücher, die einem die Sprache verschlagen und sich als viel wichtiger und tiefgründiger herausstellen, als man im ersten Moment vielleicht vermutet hätte. Kleine Stadt der großen Träume ist ein eben solches Buch. Bravo Herr Backman, Sie haben wirklich ganze Arbeit geleistet!

Björnstadt ist eine kleine Stadt, irgendwo in Schweden, die nichts zu bieten hat, nichts außer einem guten Eishockey Juniorenteam, das kurz vor dem Halbfinale steht. Ein Sieg würde nicht nur dem Team helfen, sondern auch der ganzen Stadt; würde ein Sieg vermutlich neue Arbeitsplätze schaffen. Denn die große Fabrik in der Stadt entlässt aufgrund der wirtschaftlichen Lage in Björnstadt jeden Tag Arbeiter und der große Supermarkt hat all die kleinen Läden vertrieben. Alle Hoffnungen liegen auf den Schultern der Junioren-Eishockeymannschaft. Am Rande des tiefen Waldes liegt Björnstadt ziemlich einsam und verlassen. Nie passiert hier irgendetwas, eigentlich. Bis der ganzen Stadt plötzlich bewusst wird, wie viel eine einzige Nacht verändern kann …

POSITIV

Dieses Buch erzählt die Geschichten vieler verschiedener Menschen, deren Leben irgendwie alle miteinander verknüpft sind. Jeder einzelne Charakter wird dem Leser gründlich vorgestellt. Auf einmal hat man ein Bild vor Augen und trotz der vielen unterschiedlichen Menschen, aus deren Sicht viele verschiedene einzelne Geschichten erzählt werden, die zum Ende hin aber alle auf ein und denselben Punkt hinauslaufen, fällt es überhaupt nicht schwer, sich all diese Namen zu merken und die Figuren ihren eigenen Geschichten zuzuordnen. Ihre Geschichten sind so berührend und teilweise so tragisch, dass ein Vergessen praktisch unmöglich ist.

Da wäre zum Beispiel die Familie Andersson, die einst in Kanada lebte und aufgrund eines Jobangebots zurück nach Schweden kehrte. Peter, der Vater, war einst ein gefeierter Eishockey Profi, musste seine Karriere aufgrund einiger Verletzungen allerdings sprichwörtlich auf Eis legen. Neben seiner Familie, die er über alles liebt, bedeutet ihm der Sport und der Klub, bei welchem er Sportdirektor ist, einfach alles. Er ist loyal und ehrgeizig, hier und da manchmal etwas überfordert, hegt Zweifel, gibt aber nie auf. Mira, die Mutter, ist eine erfolgreiche Anwältin und obwohl sie die unbändige Liebe ihres Mannes zum Eishockey selbst nach all den Jahren noch immer nicht verstehen kann, steht sie voll und ganz hinter ihm. Sie ist eine Löwenmutter, eine Heldin. Sie kämpft für das, was ihr wichtig ist, besonders wenn es um ihre Familie, vor allen Dingen aber um ihre Kinder, geht. Maya ist die fünfzehnjährige Tochter, die scheinbar so gar nichts mit Eishockey anfangen kann, sondern lieber Gitarre spielt und die Zeit mit ihrer besten Freundin Ana verbringt, die in schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen ist, nachdem ihre Mutter sie verlassen und mit einem trinkenden Vater zurückgelassen hat. Leo ist ein richtiger Sonnenschein. Auch wenn er eine weniger große Rolle in diesem Buch spielt, wahrscheinlich aufgrund seines jungen Alters, war er es, der mir aufgrund seiner selbstlosen Taten mehr als einmal die Tränen in die Augen getrieben hat.

Amat ist ein Junge aus dem Armenviertel, der gemeinsam mit seiner Mutter eine winzige Wohnung bewohnt. Seine Mutter schuftet so schwer, dass sie sich ihren Rücken schon fast zerstört hat, nur um die beiden mit ihrem mickrigen Lohn über Wasser halten zu können. Amat hilft ihr wo er nur kann, während er davon träumt, bald in die Juniorenmannschaft aufzusteigen, um eines Tages vielleicht einmal ein großer, erfolgreicher Spieler zu werden um dann seiner Mutter das Leben zu bieten, das sie verdient hat.

Kevin ist auf der einen Seite ein verwöhnter Bengel, ist er in einer der wohlhabendsten Familien der Stadt aufgewachsen. Während er an materiellen Dingen immer all das hatte, was sein Herz begehrte, schenkten ihm seine Eltern kaum bis gar keine Liebe. Sie wollten ihn nicht zu einem Weichei erziehen, sagten sie immer wieder. Sie möchten, dass er irgendwann auf eigenen Beinen steht. Gibt sich Kevin nach außen hin stark, fängt in seinem Inneren etwas an zu bröckeln …

Benji ist der beste Freund von dem überaus talentierten Kevin und ebenfalls nicht schlecht, was das Eiskhockey spielen anbelangt. Kevin und Benji sind die besten Spieler im Team. Sie verstehen sich blind. Eine Menge Druck lastet auf ihnen, besonders je näher der Tag des Halbfinales rückt. Benji ist der Typ Junge, den alle Mädchen anhimmeln. Nach außen hin wirkt er wild und unbändig, doch seine Augen verraten etwas ganz anderes …

David, der selbst einmal ein erfolgreicher Hockeyspieler war, träumt von dem großen Erfolg als Trainer, schiebt er, um sein Ziel zu erreichen, ganz häufig die Moral zur Seite und vergisst dabei, dass die Menschlichkeit eigentlich an erster Stelle stehen sollte …

Und dann ist da auch noch Ramona, eine Frau, der niemand etwas so schnell vor macht. Jeder sieht zu ihr auf, jeder respektiert sie, jeder vertraut ihr und obwohl sie schon so viel Schlechtes in ihrem Leben hat durchmachen müssen, ist sie eine der Personen, die den Mund auf machen, wenn einem Unrecht geschieht. Ramona hat mein Herz im Sturm erobert. Ramona ist eine Frau, die es zu bewundern heißt. Ramona ist einzigartig und das hat sie in diesem Buch mehr als einmal bewiesen.

Es gibt so viele Figuren in diesem Buch, die zur Entwicklung dieser Geschichte beitragen. Lehrer, Schüler, Geschäftsleute, Schwestern und Brüder, Freunde und Freundinnen … trotz der Vielzahl der Charaktere schließt man (beinahe) jeden direkt ins Herz. Man leidet mit, man fiebert mit, man wird selbst zu einem Teil von ihnen.

Besonders jedoch beeindruckt hat mich die Tatsache, wie sehr sich sämtliche Charaktere im Laufe des Romans entwickeln. Einige sind von Anfang an „gut“ oder „böse“, andere wiederum wechseln irgendwann die Seiten, reflektieren sich und ihre Taten selbst, lernen daraus oder geben wiederrum anderen Anlass, etwas zu überdenken, Dinge in Frage zu stellen und vieles, für das sie einstehen und kämpfen, neu zu bedenken.

Der Autor hat diesen ganz besonderen Schreibstil; so emotional und tiefgründig, dass plötzlich jedes noch so kleine Wort eine solch immense Bedeutung bekommt, dass es mit den Händen fast greifbar ist. Ich kann es gar nicht richtig erklären wie er schreibt, doch es geht mitten ins Herz, es berührt einfach und um verstehen zu können, wie besonders sein Schreibstil ist, muss man die Erfahrung selbst machen. Dieser Roman hat unglaublich viel Kraft und Tiefgang. Viele Sätze, insbesondere manche Formulierungen treffen direkt ins Mark. Man fängt, ebenso wie die Charaktere selbst, irgendwann an, das eigene Leben zu hinterfragen, den Sinn, den man darin sieht. Was würde ich tun? Welche Konsequenzen hätte es? Welche Konsequenzen wäre ich gewillt, in Kauf zu nehmen? Wie würde ich reagieren? Hätte ich genauso gehandelt? Und obgleich dieses Buch so unglaublich viele ernste Themen behandelt, kommt der Humor nicht zu kurz. Und dieser Humor ist einfach großartig. Er lockert die Geschichte etwas auf und zwar zwischen den Zeilen, er schafft Momente des Durchatmens, die in diesem ausdrucksstarken Roman auch tatsächlich notwendig sind. Für gewöhnlich markiere ich meine liebsten Stellen eines Buches, das mich so sehr berührt wie dieses hier, doch hätte ich alle Stellen markiert, die mich – auf welche Art und Weise auch immer – emotional berührten, hätte ich weiß Gott nicht genug Post-Its gehabt. Ich wäre aus dem Markieren gar nicht mehr rausgekommen.

Durch seine Art zu Schreiben erhält man einen viel intensiveren Einblick in die Gefühlswelt der Charaktere, manchmal widersprechen sich die Figuren in ihrem Denken selbst, und das ist es, was sie so echt, so real macht. Diese Geschichte spiegelt ein paar der ganz großen Themen der Gesellschaft, gar der Politik, wider und Frederik Backman schafft es, mit seiner einzigartigen Schreibweise, dem Leser all das so nahe zu bringen, dass man am Ende nicht mehr weiß, ob man nun weinen oder lachen soll, oder doch einfach beides zusammen. Man findet sich in so vielen dieser Figuren wieder, hebt sich selbst aber auch so von ihnen ab, dass man glaubt, rein gar nichts mit ihnen gemein zu haben.

Dieses Buch zeigt mehr als deutlich, dass die Welt nicht nur schwarz weiß ist.

Was mir teilweise die Sprache verschlagen und auf den letzten Seiten Dauer-Gänsehaut verursacht hat ist, dass der Autor nicht nur auf die Vergangenheit der Charaktere eingeht, sondern gerade zum Ende hin gibt es Ausblicke auf deren Zukunft, was die Geschichte perfekt abrundet. Er vermischt die Ereignisse der Vergangenheit und der Gegenwart und letztendlich auch die der Zukunft auf so eine gekonnte Art, dass einem die Nackenhaare zu Berge stehen.

Dieses Buch ist so besonders, ich glaube ich hätte mir kein besseres erstes Buch für 2018 aussuchen können.

NEGATIV

Die ersten hundert Seiten waren tatsächlich ein bisschen zäh. Eine Vielzahl von Personen wird vorgestellt und insbesondere wird dem Leser auch die Bedeutung des Eishockey-Klubs klar gemacht und näher gebracht. Am Anfang geht es hauptsächlich um die kleine Stadt an sich, darum, wie die Charaktere alle miteinander in Verbindung stehen und welchen Einfluss Eishockey auf die Stadt und auf all diese Menschen hat. Erst später wird einem klar, dass man eben genau dieses Wissen braucht, um die verschiedenen Handlungsweisen der einzelnen Figuren nachvollziehen und die Entwicklungen überhaupt verstehen zu können. Ich hatte tatsächlich ein paar Schwierigkeiten, in die Geschichte einzufinden, doch als ich diese Hürde erst einmal genommen hatte, verflog die fast schon eingesetzte Langeweile aufgrund des recht langatmigen Erzählbeginns wie im Flug.

LOHNT SICH DAS BUCH?

Ja! Ja! Und noch mal Ja! Wenn ihr das Buch nicht bereits gekauft und gelesen habt, tut es. Diese emotionale, berührende, tiefgründige und auch bedrückende Geschichte, die voll von so viel trauriger Wahrheit, gleichzeitig aber auch so voll von Hoffnung steckt, trifft mitten ins Herz. Sobald man angefangen hat zu Lesen steckt man mitten drin. Man kann nicht mehr aufhören, man wird regelrecht Teil dieser Geschichte und das Herz kettet sich so sehr an das geschriebene Wort, dass es unmöglich ist, sich davon zu trennen. Dieses Buch ist so viel, dieses Buch ist so kraftvoll und tiefgründig und mächtig, dass es einem die Sprache verschlägt. Ich kann es kaum erwarten, nun auch die anderen Bücher des Autors zu lesen.

INFOS ZUM BUCH


Autor:
Frederik Backman
Titel: Kleine Stadt der großen Träume
Originaltitel: Björnstad
Verlag: Fischer Krüger
Erscheinungsdatum: 26. Oktober 2017
Seiten: 512
Preis: 19,99 [D] |20,60 [A]

 


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