Rezension: Long way down – Jason Reynolds

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Inhalt/Klappentext:

Will ist entschlossen, den Mörder seines Bruders zu erschießen. Er steigt in den Fahrstuhl, die Waffe im Hosenbund. Er ahnt noch nicht, dass die Fahrt ins Erdgeschoss sein Leben verändern wird. Er denkt an Menschen aus seiner Vergangenheit, und was er mit ihnen erlebt hat. Es sind Erinnerungen und Geschichten voller Gewalt, Hass, Ohnmacht und Rache. All diese Menschen sind tot. Und Will muss sich fragen, was das für sein Leben bedeutet. Als er im Erdgeschoss ankommt, ist er sich nicht mehr sicher, ob er seinen Bruder tatsächlich rächen wird, weil es »die Regeln« so wollen. Oder kann er den Teufelskreis der Gewalt durchbrechen?


Vielen Dank an den dtv Verlag, die mir das Buch kostenlos als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben im Austausch gegen meine ehrliche Meinung. Auch hier bleibt meine Meinung unverfälscht. Nähere Informationen hierzu findet ihr HIER.


An niemandem ist die neuerlich frisch entbrannte Rassismus-Debatte in den USA aufgrund der Tötung von George Floyd durch einen US-amerikanischen Police Officer vorbei gegangen. Obwohl ich schon immer sehr großen Wert darauf gelegt habe, nicht nur Bücher von weißen Autoren in meinem Bücherregal stehen zu haben, so habe ich insbesondere in den letzten Wochen wieder etwas intensiver darauf geachtet, welche Bücher es auf meinen SUB schaffen und welche nicht. Long way down von Jason Reynolds ist eines davon. Ich muss gestehen, Jason Reynolds war mir bis zu diesem Zeitpunkt noch kein Begriff; hatte ich zuvor noch keines seiner Bücher gelesen. Ich bin entsprechend neutral und ohne Erwartungen an das Buch herangegangen, habe mir weder den Klappentext durchgelesen, noch Infos zum Autor. Umso erstaunter war ich, als ich nach dem Aufschlagen der ersten Seite bemerkte, dass dieses Buch anders ist. In vielerlei Hinsicht anders. In Versen erzählt der Autor die Geschichte des jungen Will und dem schrecklichen Tod seines Bruders.

Durch die Erzählung in Versform entsteht nicht nur beim Leser*in ein komplett anderes Lesegefühl, sondern stellte dies vermutlich auch die deutsche Übersetzerin Petra Bös vor eine große Herausforderung. Die aussagekräftigen Verse so zu übersetzen, dass sie nicht nur Sinn ergeben, sondern sich auch flüssig und trotzdem einem Vers entsprechend lesen lassen, war sicherlich keine leichte Aufgabe. In meinen Augen ist dies Petra Bös mehr als gelungen. Ganz gleich ob Original oder Übersetzung: dieses Buch beweist, wie unglaublich mächtig Worte sein können und das es manchmal eben nicht einen kompletten Roman braucht, sondern nur wenige Worte, um eine Achterbahnfahrt der Gefühle auszulösen. Denn das hat dieses Buch allemal. Zumindest bei mir.

Diese Geschichte hat ihren ganz eigenen Rhythmus. Es gibt kaum einen Szenenwechsel, sondern lediglich eine Fahrt mit dem Fahrstuhl. Eine Zeitspanne, die sich auf die Fahrstuhlfahrt von sieben Stockwerken erstreckt und doch so viel enthält, dass es in ein ganzes Leben – oder sieben – passen würde. Es handelt sich um eine Geschichte, die ganz leise beginnt und immer lauter wird. Denn trotz der wenigen Worte, schafft es der Autor, den Leser*in in einen wilden Strudel voller Gefühle und Emotionen zu ziehen, der mitreißt und nicht mehr los lässt. Die Atmosphäre ist unglaublich bedrückend. Kennt ihr das, wenn man vor Nervosität einen ganz trockenen Mund bekommt und einen Klos im Hals hat? So habe ich mich die ganze Zeit während des Lesens gefühlt. Jason Reynolds schafft es, dem Leser mit diesen unglaublich wenigen Worten Gefühle wie Trauer und Hass, ebenso Ängste näherzubringen und sie miterleben zu lassen.

Als Weißer fehlt einem meist nicht nur das Wissen, sondern auch das Verständnis für das, was in (armen) schwarzen Communities passiert. Es sind Momentaufnahmen, die wir gezeigt bekommen, die nur an der Oberfläche von dem kratzen, was tatsächlich passiert; etwas, das viel tiefer geht. Dieses Buch zeigt, wie drei einfache Regeln, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, eine gesamte Community geprägt und hierdurch entstehende Strukturen gefestigt haben. Und wenn man sich erst einmal bewusst macht, wie tief diese systematischen Strukturen verlaufen, wie soll man aus ihnen ausbrechen? Wie soll man etwas verändern; einfach mal die Regeln brechen?

In Long way down wird uns als Leser*in genau dies vor Augen geführt. Die Geschichte zeigt, wie tief man da mit drin steckt. Es zeigt wahnsinnig gut, dass unterschiedliche soziale Einflüsse sehr wohl eine Wirkung auf den Menschen und insbesondere seine Entwicklung haben und das es nicht immer nur die eigene, persönliche Entscheidung ist, ob man gewalttätig wird oder nicht. Festgefahrene Denkmuster verhindern es, das eigene Handeln in Frage zu stellen und zu reflektieren und genau dies macht Jason Reynolds in seinem Buch deutlich. 

Besonders gut gefallen haben mir nicht nur die Verse, sondern auch das Konzept des Fahrstuhls. Will, der sich an besagte drei Regeln halten möchte und sich dazu entscheidet, den Mörder seines Bruders zu erschießen, steigt in den Fahrstuhl seines Gebäudekomplexes. Auf dem Weg nach unten hält der Fahrstuhl auf jeder der sieben Etagen einmal an und lässt jeweils einen anderen Gast einsteigen; alles Menschen, die in Wills Leben oder im Leben seines verstorbenen Bruders eine wichtige Rolle gespielt haben.  Diese Menschen erzählen Will von ihren Erfahrungen; erzählen ihm ihre Geschichten, die erfüllt sind von Gewalt, Hass und Rache. Währenddessen werden nicht nur Will immer mehr Dinge bewusst; Dinge, die ihn sein Vorhaben aus einem komplett anderen Blickwinkel betrachten lassen, sondern auch man selbst als Leser*in fängt an, zu hinterfragen und besser zu verstehen. Symbolisch steht die Fahrt im Fahrstuhl mithin für die Entscheidungsfindung, die mit der Zeit und je mehr Leute zu Will in den Aufzug steigen, immer schwieriger wird und das ist es, was mir wahnsinnig gut gefallen hat, denn auch dies zeigt, dass es oftmals äußere Einflüsse sind, die uns in unserer Entscheidungsfindung beeinflussen – ob nun auf positive, oder aber auf negative Art und Weise.

Als Fan von offenen Enden möchte ich auch hervorheben, dass mir das Ende dieses Buches ebenfalls unfassbar gut gefallen, mich aber dennoch mit einem sehr schweren Gefühl in der Brust zurückgelassen hat. Denn mit der Fahrt nach unten, wie der Titel Long way down auch so schön sagt, endet das Buch. Das Buch endet in dem Moment, in dem Will das letzte Stockwerk erreicht.

Jason Reynolds schlägt mit diesem Buch zwei Fliegen mit einer Klappe. Er schafft es nicht nur, seine Gedanken und ein ganz wichtiges gesellschaftliches Problem so zu formulieren und auszudrücken, dass man selbst als Weißer anfängt zu verstehen, sondern er zeigt betroffenen Kindern und Jugendlichen einen anderen Weg auf. Er macht auf die tiefen, gesellschaftlichen Abgründe aufmerksam und spricht Themen an, die kaum thematisiert, sondern viel lieber totgeschwiegen werden, einfach, weil es für uns so viel „bequemer“ ist. 

Dieses Buch hat mich von der ersten Seite bis zur letzten in seinen Bann gezogen. Nicht nur aufgrund der kurzen Verse, lässt sich das Buch schnell lesen, sondern auch aufgrund seiner Intensität, die einen einfach nicht mehr los lässt. Doch ebenso schockierend diese Geschichte an manchen Stellen ist, genauso sanft und gefühlvoll ist sie an wieder anderen Stellen. Dieses Buch steckt voll von so vielen Emotionen und Gefühlen, dass ich sie selbst jetzt, nachdem ich das Buch beendet habe, kaum richtig in Worte fassen kann.

LOHNT SICH DAS BUCH?

Um es mit den Worten von Angie Thomas zu sagen: dieses Buch ist „ein Meisterwerk!“ Ich kann mir vorstellen, dass die Tatsache, dass das Buch lediglich in Versen geschrieben ist, den ein oder anderen abschreckt, doch lasst euch nicht beirren. Selten habe ich ein solch aussagekräftiges Buch gelesen und das trotz der wenigen Worte, derer sich der Autor bedient. Das Buch zeigt nicht nur den inneren Konflikt eines einzigen Teenagers, der um seinen ermordeten Bruder trauert, sondern den Konflikt einer ganzen Community – ein Konflikt, der sich von Generation zu Generation fortsetzt. Dieses Buch ist herzzerreißend, schockierend, aber gleichzeitig auch sehr poetisch und gefühlvoll; vor allen Dingen aber auch einfach unglaublich authentisch. Ich kann gar nicht anders, als für dieses Buch eine klare Leseempfehlung auszusprechen. KAUFT ES, LEST ES, FÜHLT ES.

INFOS ZUM BUCH

Autor*in: Jason Reynolds
Übersetzer*in: Petra Bös
Titel: Long way down
Verlag: dtv Verlag
Seiten: 320
Erscheinungsdatum: 11. Mai 2020
Preis: 14,95 [D] | 15,40 [A]
Buch beim Verlag: KLICK


KATEGORIE

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