Rezension: Love is Love – Marc Andreyko u. a.

Eine Comic-Anthologie für Gleichberechtigung, Respekt und Akzeptanz von Homosexuellen. Im Juni 2016 wurden bei einem Anschlag auf den Schwulen-Nachtclub in Orlando 49 Menschen brutal ermordet. Dies war der gravierendste Gewaltakt gegen Homosexuelle in den USA. In dieser Anthologie reagieren die unterschiedlichsten Comic-Künstler auf diese unfassbare Tat. In ihren Storys drücken sie Mitgefühl, Trauer und Sorge angesichts des Angriffs auf die homosexuelle Community aus, machen aber auch Hoffnung und setzen sich für Gleichberechtigung und Frieden ein.

Panini unterstützt die Hinterbliebenen der Opfer und den Lesben- und Schwulenverband LSVD in Deutschland mit 3 Euro pro verkauftem Band. Das Originalprojekt ist durch eine Zusammenarbeit von IDW und DC Comics entstanden, mit der Unterstützung vieler weiterer amerikanischer Verlage. [Quelle]


“When you believe in something, fight for it. And when you see injustice, fight harder than you’ve ever fought before.”

– Brad Meltzer

 

Es gibt Geschichten, die schiebt man vor sich her, bevor man schließlich zu ihnen greift. Manchmal muss man den richtigen Moment abwarten; manchmal aber, so scheint es, gibt es den richtigen Moment nicht. Love is Love ist ein Comic, das schon ziemlich lange auf meinem SUB gelegen hat, zu dem ich allerdings erst kürzlich gegriffen habe. Ich war mir über die Intensität dieser Anthologie bewusst, vielleicht habe ich deshalb auf diesen einen richtigen Moment warten wollen. Ich bezweifle allerdings, dass es den richtigen Moment überhaupt gibt, um sich mit einem Thema, dass so schwer auf dem Herzen lastet wie dieses hier, zu befassen. Wahrscheinlich griff ich auch genau aus diesem Grund schließlich zu dem Comic. Weil kein Moment der Richtige ist, auf der andere Seite gleichzeitig aber irgenwie auch jeder Moment der Richtige ist.

Wie ihr euch vielleicht denken könnt, ringe ich mal wieder mit den Worten. Ich hadere mit mir selbst, auf der Suche nach den richtigen Worten, nur um festzustellen, dass es sie ebenso wenig gibt, wie den richtigen Moment. Mein Herz weint, so unendlich laut. Ich habe es zerbrechen hören, wieder einmal, in so viele winzig kleine Teile, dass ich schon fast daran zweifelte, es jemals wieder zusammen setzen zu können.

Ohne noch einmal großartig auf die schreckliche Tat aus dem Jahre 2016 im Club Pulse in Orlando eingehen zu wollen, möchte ich meine Gefühle und Gedanken mit euch teilen; möchte euch aufzeigen, wieso ich es am Ende doch geschafft habe, die einzelnen Scherben meines Herzens wieder zusammenzusetzen.

Solltet ihr, was die Tat im Pulse Club in Orlando angeht, nicht ganz auf dem Laufenden sein, könnt ihr bei Zeit Online noch mal genauer über diese Tat nachlesen. Und hier findet ihr eine Gedenkseite für die Opfer des Attentats.

“Even if you don’t agree with other people – with what they believe, or what they choose, or who they are – it doesn’t mean you should punish them. Race, religion, sexuality, identity, all of it. Love for everyone. Acceptance, tolerance. However you need to think of it. At the very least, just live with each other, and we’ll all be in a better world. That’s a truth we should all be able to accept.”

 

In dieser Anthologie werden Worte und Zeichenstile der verschiedensten Personen miteinander vereint, Menschen, die auf ihre ganz persönliche Art und Weise ihre Anteilnahme und ihr Mitgefühl ausdrücken und auf eine gewisse Weise auch ihrer Wut und Trauer Platz machen. Was mir sehr gut gefallen und den einzelnen Geschichten noch mehr Intensität verliehen hat, ist die Tatsache, dass sich sämtliche Kurzgeschichten auf maximal zwei Seiten erstrecken, primär allerdings nur auf eine. Es erfordert einiges an Fingerspitzengefühl und Herz, so viele Emotionen in so wenigen Worten auszudrücken. Manchmal bedurfte es noch nicht einmal Worte, einzelne Bilder und Zeichnungen genügten, um die Wichtigkeit der Botschaft, die hinter diesen hübschen Zeichnungen steckt, zu verdeutlichen und dem Leser nahe zu bringen.

Die Botschaft “Alle Menschen sind gleich” wurde dabei immer sehr stark in den Fokus gerückt, z. B. durch das Integrieren von interrassistischen Liebespaaren oder auch von Kindern, die – unschuldig wie sie sind – immer dieselbe Frage stelllten: “Warum?” Auch mir stellte sich diese Frage während des Lesens und ich bezweifle, dass wir jemals eine Antwort darauf bekommen werden.

Niemand kommt bereits hasserfüllt zur Welt. Wir werden nicht mit dem Gefühl von Hass geboren, wir bekommen es gelehrt, aufgezeigt, vorgelebt, und zwar von denjenigen, die uns eigentlich ein Vorbild sein sollten: Eltern, Großeltern, Tanten, Onkeln, Freunden, Bekannten. Es sind genau diese Menschen, Eltern, Großeltern, etc. pp. die uns einen angemessenen Weg ebnen sollten; mit gutem Beispiel vorangehen sollten; uns Werte lehren sollten, Werte, nicht vergleichbar mit dem Gefühl von Hass, Rassismus, Homophobie, Antifeminismus, Antisemitismus, etc. pp.

Die Zeichnungen und auch die Texte, haben mich unfassbar berührt, gingen mir durch Mark und Bein, waren ihre Botschaften so stark und wichtig, dass ich fast nach jeder Kurzgeschichte eine kurze Pause einlegen musste, nicht nur um sie auf mich wirken zu lassen, sondern auch um sie zu verarbeiten. Die Tränen der letzten Geschichte mussten erst einmal versiegen, bevor ich mit der nächsten beginnen konnte.

Besondere Auftritte gab es zum Beispiel auch von Supergirl, Superman, Wonder Woman, Batman, Poison Ivy und Harry Potter. Insgesamt wurden Superhelden häufig mit in die Geschichten eingebaut, ebenso wie Kinder, von deren Weltoffenheit wir Erwachsenen uns hin und wieder tatsächlich noch ein gutes Stück abschneiden können. Und auch wenn mich sämtliche der Geschichten unglaublich berührt haben, gab es einige, die mich ganz besonders berührt haben.

Brenda und Isaiah, Mutter und Sohn, die gemeinsam des öfteren den Club Pulse aufsuchten, um gemeinsam zu feiern und zu tanzen. Klingt komisch? War aber so. Sie waren nicht bloß Mutter und Sohn, sie waren Freunde. Brenda war eine Kämpfernatur; bereits zwei Mal hatte sie schon den Krebs besiegt. Sie liebte ihr Leben, sie liebte ihren Sohn. Als sie angeschossen wurde, schrie sie ihrem Sohn zu, zu laufen; sich in Sicherheit zu bringen. Er tat es. Er rannte los. Er brachte sich in Sicherheit. Er überlebte. Sie nicht.

“Everybody who knew my mom knew she was the mom everybody wanted. She always took everybody in with open arms. She loved everybody equally, no matter what.”

– Isaiah Henderson

Isaiahs Worte über seine Mutter könnt ihr HIER nachlesen.

Dieses Bild, diese wenigen Worte, hatten eine solch immense Wirkung auf mich, dass ich für einen winzigen Moment keine Luft mehr bekam. Ein Gefühl von Wut überkam mich, Wut und endlose Trauer, die ich kaum verarbeiten konnte.

Und dann gab es noch diese Geschichte, ein Mann, der 2009 einen Hund aus dem Heim adoptierte, ihn liebte wie ein eigenes Kind und ihm ein Leben schenkte, das lebenswert war. Und dann, 2016, eines Tages, kommt sein Herrschen nicht mehr nach Hause und der Hund muss zurück ins Heim.

Diese Geschichte hat mich für fast eine Stunde vollkommen ausgeknocked. Ich war völlig fertig mit den Nerven, bekam keine Luft und die Tränen wollten einfach nicht versiegen, selbst jetzt, genau in diesem Augenblick, in dem ich diese Worte schreibe, verschwimmen sie vor meinen Augen, weil mich erneut diese ungeheure Tränenflut überkommt. Selbst das Foto zu machen, ist mir schwer gefallen, weil es mir so unfassbar nahe geht.

Doch obwohl sich diese Comic-Anthologie thematisch mit dem grauenhaften und schrecklichen Anschlag auf den Pulse Club in Orlando, ein Club, in dem Mitglieder der LGBQT+ Community miteinander feierten, befasst, sprüht dieses Comic nur so von Hoffnung, Toleranz, Akzeptanz und Liebe, ganz besonders von Liebe und zwar Liebe, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnte. Der Schrei nach Gleichberechtigung ist so laut, dass er kaum zu überhören ist.

Ich würde dieses Comic am liebsten jedem in die Hand drücken. Die Hoffnungslosigkeit, die in einem herrscht, wird kompensiert durch die Menschlichkeit, die – so unglaublich es manchmal auch erscheint – noch immer Teil von uns Menschen ist. All wenn all diese schrecklichen Taten einen Schritt zurück in unserer Gesellschaft bedeuten, so gewinnt die Liebe doch immer, solange wir zusammenhalten, uns nicht verstecken und kämpfen; miteinander kämpfen; kämpfen für eine Welt, in der es sich zu leben lohnt.

Die Message, die in diesem Comic steckt ist so unglaublich wertvoll und wichtig; so wichtig, man sollte sie ganz laut in die Welt hinausschreien, nur um sicher zu gehen, dass sie auch jeder gehört hat.

Anmerkung: Auch in den USA wurden von den Einnahmen Gelder in entsprechende Fonds gespendet. Ich hatte mir die englische Version des Comics zugelegt, die ebenfalls sehr einfach zu lesen ist. Nur für den Fall, dass sich manche vielleicht nicht sicher sind, ob sie jetzt doch lieber das deutsche, oder das englische Comic lesen möchten.

INFOS ZUM BUCH

Autor: Marc Andreyko u. a.
Titel: Love is Love
Verlag: Panini
US Verlag: IDW Publishing
Erscheinungsdatum: 21. Oktober 2017
Erscheinungsdatum USA: 28. Dezember 2016
Seiten: 148
Preis: 16,99 [D]

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4 Comments

  • Wow. Wunderschöne Rezension, liebe Ivy.
    Ich hatte Gänsehaut und Tränen in den Augen, weil ich alles durch deine Worte nochmal durchlebt habe, auch nach der Zeit nimmt mich dieses Comic unglaublich mit.
    Es freut mich, dass es dich genauso berühren konnte und ich hab mir ehrlich gesagt schon gedacht, dass es dich “platt” macht.
    Auch ich würde es gerne jedem in die Hand drücken.
    Eine wirklich wundervolle, starke Arbeit, die Hoffnung macht.

    Vielen Dank fürs Verlinken <3

    Liebe Grüße,
    Nicci

    • Liebe Nicci,

      danke dir für dein Kommentar. Und ja, es ist schon wirklich richtig schwere Kost die einen wirklich belastet, gleichzeitig aber so viel Hoffnung schenkt. Ich bin sehr froh, das Comic endlich gelesen zu haben, auch wenn ich den Tag quasi fast nur heulend verbracht habe.

      Für das Verlinken brauchst du dich nicht zu bedanken, das habe ich gerne gemacht 🙂

      Liebste Grüße
      Ivy

  • Liebe Ivy,

    einfach eine wundervolle Rezension.
    Mir ist damals beim Lesen fast das Herz stehengeblieben, gerade bei der Hundegeschichte. Ach was, bei fast jeder einzelnen. Wie die Künstler es geschafft haben, mit so kurzen Eindrücken so unglaublich viele Emotionen hervorzurufen ist einfach erstaunlich.
    Für mich persönlich gehört es mit zu den besten Comics überhaupt!
    Vielen lieben Dank für die Verlinkung <3

    Liebste Grüße <3 Jill

    • Danke dir vielmals liebe Jill!

      Es ist wirklich ein so unfassbar wichtiges Comic <3 Die Hundegeschichte hat mich auch einfach nur fertig gemacht. Aber wie du sagst, alle Geschichten gehen durch Mark und Bein ... jeder sollte dieses Comic lesen!

      Liebste Grüße
      Ivy

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