Rezension: So wie du mich kennst – Anika Landsteiner

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Inhalt/Klappentext:

Karlas Leben ist stehengeblieben. Sie trägt eine Urne nach Hause, darin die Asche ihrer Schwester Marie. Und plötzlich ist nichts mehr so, wie es einmal war. Marie war Karlas Seelenverwandte, ihr Kompass in diesem Chaos, das sich Leben nennt. Und während sich dieses Chaos um sie herum einfach weiterdreht, reist Karla nach New York, um dort die Wohnung ihrer Schwester aufzulösen. Als sie Fotos findet, die so verstörend wie alltäglich sind, fragt sie sich, wie gut sie Marie wirklich kannte. Die Schwester, die so ganz anders lebte als sie. Die erfolgreich und selbstbewusst war. Was Karla auf den Bildern sieht, verändert ihren Blick auf Marie, ihren Blick auf sich selbst und auf das ganze Leben vor ihr.


Vielen Dank an die Autorin und den Fischer Verlag gestellt hat im Austausch gegen meine ehrliche Meinung. Auch hier bleibt meine Meinung unverfälscht. Nähere Informationen hierzu findet ihr HIER.


CW: Tod, Verlust, Trauer, häusliche Gewalt

Ich kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass So wie du mich kennst das Buch ist, auf das ich am meisten hingefiedert habe. Zwischenzeitlich habe ich es schon zwei Mal gelesen; die unkorrigierte Version bereits Ende letztens Jahres (ihr glaubt gar nicht, wie unfassbar schwer es mir gefallen ist, bis jetzt den Mund zu halten) und dann noch einmal vor ein paar Tagen, als mich endlich die finale Ausgabe erreichte. Ich habe das Gefühl, mich immer und immer wieder zu wiederholen, wenn es darum geht, die Bücher von Anika Landsteiner zu rezensieren, aber dieses Buch ist etwas ganz Besonderes und zwar in so vielerlei Hinsicht.

In Anika Landsteiners neuestem Roman geht es um Karla und Marie, Schwestern, beste Freundinnen, Seelenverwandte. Während Karla in Deutschland wohnt, in demselben kleinen Dorf, in dem sie und ihre Schwester aufgewachsen sind, hat es Marie in die große Welt gezogen, nach New York, um ihre Karriere weiter voranzutreiben. Sie ist glücklich; erfolgreich in dem was sie tut, doch dann ist da plötzlich diese rote Ampel und ein Auto, das nicht früh genug bremsen konnte. Nach dem Tod ihrer Schwester macht Karla sich auf den Weg nach New York um Maries Wohnung aufzulösen. Dabei stößt sie auf Fotos, die das Bild, das Karla all die Jahre von ihrer Schwester hatte, plötzlich ganz unscharf werden lassen. Auf einmal gerät ihre Welt ins Wanken. Wie gut kannte sie ihre Schwester wirklich?

Warum reden wir den ganzen Tag und erzählen uns doch so wenig?

So wie du mich kennst – Anika Landsteiner

Wie gut kennen wir die Menschen um uns herum wirklich? Wir können nur erahnen, wie es tatsächlich in ihnen aussieht, was in ihnen vorgeht, wie sie sich fühlen. Geben wir uns genug Mühe? Stellen wir die richtigen Fragen? Fragen, die tiefer gehen? Möchten wir tatsächlich Antworten, auf diese Fragen? Oder kratzen wir immer nur an der Oberfläche, reden den lieben langen Tag, ohne uns tatsächlich etwas zu erzählen?

Anika Landsteiner erzählt die Geschichte der beiden Schwestern Karla und Marie gewohnt eindringlich, unglaublich emotional und mit wahnsinnig viel Feingefühl. Sie beleuchtet zwischenmenschliche Beziehungen, menschliche Reaktionen auf bestimmte (Lebens-)umstände und schafft es, mit ihren wunderbaren Worten all diese intensiven Emotionen so zu transportieren, dass es dem/der Leser:in kaum möglich ist, den Roman aus der Hand zu legen. Dieses beklemmende Ohnmachtsgefühl der Trauer und der Wut, haben mich ebenso wenig losgelassen, wie der familiäre Zusammenhalt und die Verbundenheit zum eigenen Zuhause; Verbundenheit zu einem Leben, das längst gelebt wurde, aber doch noch so präsent ist, das es schmerzt.

Die Geschichte spielt sowohl in der Gegenwart, in der sie aus Sicht von Karla erzählt wird und in der Vergangenheit, in der uns Marie mit auf ihre ganz persönliche Reise nimmt und zurück in eine Zeit, die längst vergangen ist. Innerhalb dieser beiden Erzählstränge vermischen sich jedoch nicht nur die Zeiten immer mal wieder, sondern auch die Geschehnisse, denken beide Schwestern oft an frühere Erlebnisse zurück – vielen davon wahnsinnig schmerzhaft, einige aber auch wunderschön und ebenso hoffnungsfroh.

Neben Familie und vor allem Trauerbewältigung liegt der Fokus der Geschichte auch auf einem ganz anderen Thema: häusliche Gewalt. Die Autorin beschäftigt sich sehr eindringlich und intensiv mit dieser Thematik, beweist gleichzeitig jedoch Fingerspitzengefühl und geht mit einem unglaublichen Feingefühl an die Sache ran. Man spürt während des Lesens einfach, wie intensiv sich die Autorin vorab mit dieser Thematik auseinandergesetzt hat und wie wichtig es ihr war, respektvoll damit umzugehen. Dabei schafft sie es immer wieder, die perfekten Worte zu finden, nicht nur um Situationen zu beschreiben, sondern auch die damit einhergehenden Emotionen und Gefühle, an denen die Charaktere des Buches sowohl zerbrechen, als auch wachsen.

Allgemein hat Anika Landsteiner dieses außergewöhnliche Talent, irgendwie immer genau die richtigen Worte zu finden. Ihr Schreibstil ist etwas ganz Besonderes, was sie auch bereits in ihren anderen Büchern bewiesen hat, doch gerade in ihrem neuesten Roman merkt man, dass sie – vielleicht sogar intuitiv – das richtige Gespür für die absolut richtigen Worte hat. Und zwar immer.

So wie du mich kennst ist zwar kein Thriller, kann allerdings, was den Spannungsbogen angeht, sehr wohl mit einem solchen mithalten. Ich konnte und wollte das Buch nicht aus der Hand legen, wenngleich ich auch wahnsinnig traurig war, als ich es Stunden später in einem Rutsch bereits beendet hatte. Was zurückblieb war ein wärmendes Gefühl in der Brust, ein zartes Lächeln im Gesicht und feuchte Wangen, die meine Tränen hinterlassen hatten.

Die Autorin hat es geschafft, einen unglaublich spannenden Pageturner zu schreiben und dabei gleichzeitig auf ein wahnsinnig wichtiges Thema aufmerksam zu machen und einzugehen, und das mit so viel Fingerspitzengefühl, das man einfach nur noch staunen kann.

Am Ende waren die Charaktere nicht mehr nur irgendwelche Figuren in einem Buch, sie waren zu Freunden geworden, die mein Herz auf eine Art und Weise berührt haben, wie ich es kaum in Worte fassen kann. Doch es sind nicht nur die Charaktere, die einen nicht mehr los lassen, auch das Setting, die beiden Schauplätze, New York, laut, bunt schillernd und Unterfranken, klein, heimisch und trist, schaffen – dank ihrer Gegensätzlichkeit – eine unfassbar interessante Atmosphäre.

Ich sagte ja bereits, dass ich mich immer und immer wiederhole, aber ich wiederhole mich gerne noch ein weiteres Mal: Anika Landsteiner hat ein Gespür vor Worte; sie hat dieses unglaublich große Talent, mit Worten umzugehen und den Lesern Bilder in den Kopf zu zaubern. Sie schreibt auf gewisse Art und Weise poetisch und wahnsinnig emotional und macht es dem/der Leser:in dadurch fast unmöglich, das Buch aus der Hand zu legen. Für mich ist Anika Landsteiner ganz groß. Ich hoffe sehr, dass wir zukünftig noch in den Genuss ganz vieler neuer Bücher von ihr kommen werden.

LOHNT SICH DAS BUCH?

Absolut! Das Buch überzeugt nicht nur mit seinen Charakteren, sondern auch mit dem wunderbaren Schreibstil und vor allem auch mit dieser unglaublich wichtigen Thematik. So wie du mich kennst ist von Anfang bis Ende ein regelrechter Pageturner, spannungsgeladen und hochemotional mit jede Menge Stoff zum Nachdenken. Für mich ein absolutes Lesehighlight, sowohl in 2020, als auch in 2021. Kaufen. Bitte. Jetzt sofort. Ihr alle.

INFOS ZUM BUCH

Autor*in: Anika Landsteiner
Titel: So wie du mich kennst
Verlag: Fischer
Seiten: 352
Erscheinungsdatum: 28. April 2021
Preis: 16,99 [D]
Buch beim Verlag: KLICK*  


KATEGORIE

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