Weshalb Own Voice Bücher so unglaublich wichtig sind

Wer auf Instagram und Twitter aktiv ist, hat sicherlich mitbekommen, dass es in den letzten Tagen ziemlich heiß her ging hinsichtlich Own Voice Büchern und der richtigen Repräsentation marginalisierter Gruppen.

Ich würde lügen, würde ich behaupten, mich hätten einige der Kommentare nicht schockiert und fassungslos zurück gelassen. Ich bin eigentlich noch immer sprachlos; habe diesen Artikel bereits vor zwei Tagen geschrieben und bin mir noch immer nicht sicher, ob ich die richtigen Worte gefunden habe. Wahrscheinlich eher nicht, dennoch liegt es mir einfach am Herzen, mich hierzu noch einmal zu äußern und zwar in einer Form, die über die wenigen Wörter, die Instagram in der Bildcaption erlaubt, hinausgeht.

Marginalisierung ist ein sozialer Vorgang, bei dem Bevölkerungsgruppen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden und das aus Gründen ihres Geschlechts, ihrer Religion, ihrer ethnischen Herkunft, ihr sexuellen Identität, etc. pp. Bei diesen Bevölkerungsgruppen handelt es sich um marginalisierte Gruppen.

Diskriminierung bezeichnet eine Benachteiligung und/oder Herabwürdigung von Gruppen oder einzelner Personen. Diese Benachteiligung/Herabwürdigung von Menschen kann auf verschiedenen Eigenschaften beruhen z. B. Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, Religion, Alter, Behinderung, Weltanschauung, etc. pp.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch gerne auf § 1 AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz) verweisen:

„Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.“

Own Voice bedeutet, dass wenn man die Geschichte eines Charakters erzählt, der Teil einer marginalisierten Gruppe, sprich einer Minderheit, ist, man selbst ebenfalls ein Teil dieser Gruppe ist, sprich, man dieselben/ähnlichen Erfahrungswerte hat.

In dieser Diskussion, die hauptsächlich auf Instagram, Twitter und Facebook stattgefunden hat, ging es darum, dass Minderheiten sich für mehr Own Voice Bücher auf dem Buchmarkt aussprechen. In diesem Zusammenhang sollte man sich vielleicht zunächst bewusst machen, dass der deutsche Buchmarkt tatsächlich überwiegend weiß und hetero ist. Um das festzustellen reicht ein Besuch auf der Buchmesse oder ein Blick in die Verlagsvorschauen der Verlage. Das ist ein Punkt, über den nicht diskutiert werden muss, sondern der einfach Fakt ist.

Natürlich gibt es unglaublich viele Bücher, in denen queere und PoC Charaktere vorkommen, diese Bücher allerdings nicht von Betroffenen selbst geschrieben wurden. Darum geht es letztendlich aber auch gar nicht. Vielmehr geht es um die richtige Repräsentation dieser Menschen.

Der Wunsch der Betroffenen nach Own Voice Autoren bedeutet natürlich nicht, dass in allen Büchern, die von weißen hetero Menschen geschrieben werden, nur noch weiße hetero Charaktere vorkommen sollen. Damit würden wir einen Schritt zurück, nicht aber nach vorne gehen. Es geht vielmehr darum, dass es eben bestimmte Geschichten gibt, über die zu schreiben man Own Voice Autoren überlassen sollte.

Ein Beispiel wäre zum Beispiel, dass ein weißer Mann einfach nicht die richtige Person ist, wenn es darum geht ein Buch über Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze zu schreiben. Ebenso ist eine hetero cis Frau nicht unbedingt die richtige Person, die Geschichte eines schwulen Jungen zu erzählen.

Dies bedeutet nicht, wie tatsächlich traurigerweise einige Blogger/Leser als Argument angebracht haben, dass nur noch Mörder Kriminalromane, nur noch Elfen Fantasybücher, nur noch Vampire Geschichten über Vampire und Tiere nur noch Tierbücher schreiben dürfen/sollen. Dass man eine solch wichtige Diskussion, mit solchen Vergleichen so ins Lächerliche zieht ist absolut unterste Schublade und geht vollkommen am Thema vorbei. Meiner Meinung nach beweisen solche Aussagen nur noch mehr, wie uninformiert die Menschen sind, wie wenig sie sich mit der Thematik befassen, wie wenig sie reflektieren und einfach wie wenig Gedanken sie sich machen. Ignoranz, ich glaube das trifft es hier ganz gut. Das Empathie-Level scheint hier bei einigen Menschen gleich Null zu sein.

Als nicht betroffene Person, ganz gleich wie sensibel und empathisch man ist, ganz egal wie viel Recherche man betreibt, fehlt einem einfach das Verständnis und die Erfahrung. Ich als weiße Frau werde niemals in der Lage sein, nachzuempfinden, was ein Schwarzer empfindet, wenn er lediglich aufgrund seiner Hautfarbe angehalten wird und im schlimmsten Fall, sollte er nur die kleinste „falsche“ Bewegung machen, in den Lauf einer Waffe guckt. Es sind nicht weiße Kinder, die von ihren Eltern eingebläut bekommen, dass sie vor der Polizei niemals weg laufen, niemals widersprechen sollen; dass sie immer, wenn sie im Auto angehalten werden, ihre Hände dort lassen sollen, wo der Polizist sie sehen kann. Es sind schwarze Kinder, die damit aufwachsen; die mit dieser Angst Leben. Wie in Gottes Namen soll ein Weißer jemals in der Lage sein, das nachzuempfinden?

Dasselbe gilt natürlich für queere Charaktere. Kein heterosexueller Mensch wird sich jemals hinein versetzen können, wie es sich anfühlt, sich vor seinen Eltern/Freunden/Bekannten zu outen. Kein cis Mensch wird jemals verstehen, wie es ist, sich im eigenen Körper fehl am Platz zu fühlen.

Natürlich können selbst Own Voice Autoren nicht alle Erfahrungen, Empfindungen etc. abdecken. Dafür sind Menschen einfach zu verschieden, darum geht es auch gar nicht. Nicht jeder schwule Junge macht dieselben Erfahrungen. Doch auch darum geht es nicht. Es geht darum, dass den Menschen, die ohnehin seit Jahrhunderten unterdrückt werden, nicht auch noch ihre Stimme; ihre Geschichten genommen wird.

Auch das Argument, dass diese Menschen ja vielleicht kein Schreibtalent haben, ist völlig fehl am Platz, denn – ohne jemandem auf die Füße treten zu wollen – auf dem Buchmarkt tummeln sich jede Menge Bücher von Autoren, die ich nicht unbedingt als sonderlich talentiert bezeichnen würde, sondern die aufgrund bestimmter Umstände eventuell nur einen Verlagsvertrag bekommen haben. #sorrynotsorry

Natürlich ist es wichtig, diverse Charaktere in Geschichten mit einzubauen, doch erzählt deren Geschichten nicht. Das ist ein Unterschied.

Auch das Argument, dass unsere Gesellschaft doch mittlerweile so fortgeschritten ist, dass es gar nicht mehr nötig ist, über solche Themen zu sprechen, schlug hier völlig daneben, denn gerade diese Diskussion hat mal wieder bewiesen, wie wichtig es ist, dass man darüber spricht. Diskriminierung liegt an der Tagesordnung. Die meisten bekommen es eben einfach nur nicht mit, weil sie in ihrer kleinen weißen, cis, hetero Bubble leben und vor allem, was sie selbst nicht betrifft, die Augen verschließen. Wenn dem nicht so wäre, würden viel mehr Menschen den Mund auf machen.

Man nehme nur mal die Tatsache, dass Scarlett Johansson z. B. für die Hauptrolle der Reallifeverfilmung eines Anime gecastet wurde. Warum? Ich habe überhaupt nichts gegen die Schauspielerin oder gegen ihre schauspielerische Leistungen einzuwenden, doch wieso castet man eine weiße Frau für diese Rolle? Und erinnert ihr euch noch, als es hieß, dass Jennifer Lawrence im Gespräch sei für die Rolle der Mulan im neuen Live Action Movie? Hat da irgendjemand den Mund auf gemacht? Nö, wieso auch? Aber als dann plötzlich für den neuen After Film von Anna Todd ein schwarzer Schauspieler gecastet wurde, um einen im Buch eigentlich weißen Charakter zu verkörpern, war das Geschrei riesen groß, von wegen, das könne man doch nicht machen, im Buch wäre die Figur doch immer hin weiß, bla bla blubb. Seht ihr nicht, was da falsch läuft? Merkt das denn wirklich niemand?

Ich finde es einfach unglaublich erschreckend zu sehen, wie vielen Menschen offenbar das Verständnis dafür fehlt. Als wäre es etwas Verwerfliches, wenn Menschen, die „nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen“, eben auch von Menschen repräsentiert werden möchten, die so sind, wie sie; die gleiche und/oder ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Und falls man eben doch der Meinung ist, eine solche Geschichte erzählen zu wollen oder überhaupt Themen in seiner Geschichte mit einzubinden, die einen nicht konkret betreffen, gibt es die Möglichkeit, Testleser, sogenannte „sensitive reader“ zu engagieren, die die Geschichte auf problematische Darstellungen und Mikroaggressionen überprüfen. Natürlich ist das keine Absicherung dafür, dass Betroffene es gutheißen, wenn sie von nicht betroffenen Menschen repräsentiert werden, dennoch ist es ein Anfang und meiner Meinung nach unerlässlich. Mehr Informationen zu dem Thema findet ihr z. B. unter https://sensitivity-reading.de/.

Vielleicht; ganz vielleicht nimmt sich der ein oder andere dies ja noch  mal als Denkanstoß.

Ansonsten hat auch Kai von @fantasticbooksandwheretofindthem einen ganz wunderbaren und viel besseren Artikel hierzu geschrieben. Unabhängig von diesem einem Artikel kann ich euch seinen Account ohnehin empfehlen, da er, ebenso wie @herrdreist, @eelifant und @livenit_up als Betroffene sehr häufig über diese Themen sprechen, auf sie aufmerksam machen und versuchen, die Menschen dafür zu sensibilisieren. Und auch Jill von Letterheart Bücherblog hat sich nun zu diesem Thema geäußert.

Nachtrag/Anmerkung:

Ich möchte auch hier noch einmal kurz klar stellen, dass ich damit nicht grundsätzlich nicht betroffenen Autoren das Schreiben solcher Geschichten verbieten möchte. Das steht mir im Grunde ja auch gar nicht zu, wahrscheinlich ebenso wenig, wie diesen Artikel zu schreiben, da ich in dieser Hinsicht nicht betroffen bin (lässt man Angstzustände, Panikattacken, etc. pp. mal außen vor) Es ist einfach nur, dass selbst ich als eben nicht Betroffene einiges als problematisch ansehe und auch durch Erfahrungen und betroffene Bekannte, Freunde und Familienmitglieder auch immer wieder mit solchen Themen konfrontiert werde, dass es mir einfach sehr am Herzen liegt. Und ich spreche hier auch nicht für Betroffene, denn ich bin mir auch bewusst, dass natürlich nicht alle so denken und nicht jeder dieselbe Meinung vertritt, was nur natürlich und menschlich ist, ich versuche nur deutlich zu machen, was ich aufgrund vieler Gespräche etc. als so wichtig empfinde. Ich lerne jeden Tag noch dazu und darüber bin ich unfassbar froh und ich hoffe, dass es auch so bleibt. Denn so “schrecklich” diese Community auch manchmal ist, so bereichernd kann sie auch sein.

Beispiele für Own Voice Bücher

The Hate U Give – Angie Thomas
On the Come Up – Angie Thomas
Als ich Amanda wurde – Meredith Russo
George – Alex Gino
Children of Blood and Bone – Tomi Adeyemi
To All the Boys I’ve Loved Before – Jenny Han
Dear Martin – Nic Stone
Tyler Johnson was here – Jay Coles
All American Boys – Jason Reynolds
When Dimple Met Rishi – Sandhya Menon
Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums – Benjamin Alire Sáenz
Shadowshaper – Daniel José Older
Queens of Geek – Jen Wilde
etc.
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